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Zwerge am Svellt
#13
Zwerge am Svellt #13

Als sie aus Deregorns Haus zurückkehrten, war es kurz vor Mitternacht. Über dem Marktplatz lag jene eigentümliche Stille, die nur kleine Städte kennen, wenn selbst die letzten Stimmen versiegt sind und nur noch einzelne Fenster Licht tragen. Im Alle Wege war die Gaststube leer. Nur eine Kerze brannte noch hinter dem Ausschank, und irgendwo im Haus knarrte Holz.

Althea ließ sich auf eine der Bänke sinken, ohne den Mantel abzulegen. Die Zwerge bedienten sich wortlos an der kleinen Bar, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, nach einem Kampf zuerst etwas zu trinken. Keldi setzte sich ihr gegenüber, langsam, bedächtig, und zwischen ihnen lagen bald die Pergamente, die sie aus Deregorns Haus mitgebracht hatten. Dicht beschriebene Seiten, Namen, Notizen, Hinweise — zu viel, um Zufall zu sein, zu klar, um noch übersehen werden zu können.

Die anderen verschwanden einer nach dem anderen knarrend die Treppe hinauf. Nur Furka blieb noch einen Moment stehen, blickte auf die Schriftstücke und brummte etwas Unverständliches, ehe auch er verschwand.

Althea strich mit dem Zeigefinger über eine Zeile des Pergaments, ohne sie wirklich zu lesen. "Es ist alles hier... aber wo ist die Obrigkeit, die sich darum kümmern würde?"

Keldi nickte nur, die Hände um den Krug gelegt. "Vielleicht schläft sie. Vielleicht schaut sie weg."

Eine Weile sagten beide nichts mehr. Dann sammelte Althea die Unterlagen ein, faltete sie sorgsam zusammen, und auch sie gingen schließlich zu Bett.

Die Nacht blieb ruhig.

Am Morgen war Markt.

Schon durch die Fenster ihres Zimmers sahen sie vollbepackte Stände, Wagen, Händler, flatternde Tücher und die Bewegung unzähliger Menschen. Stimmen lagen über dem Platz, Rufe, Lachen, das Schnauben von Pferden, das Scharren von Karrenrädern. Nichts an diesem Morgen deutete darauf hin, dass in derselben Stadt nur Stunden zuvor ein Mann mit gezogenem Schwert gefallen war.

Als sie die Herberge verließen, erwarteten sie beinahe, dass jemand sie anrief, dass Finger auf sie zeigten, dass Wachen sie abfingen. Doch nichts geschah.

Der Markt war bunt und belebt, als hätte Gashok beschlossen, die Nacht nicht zu kennen.

Sie gingen von Stand zu Stand, langsam, fast gezwungen gelassen. Händler aus Donnerbach und Trallop hatten Stoffe, Eisenwaren, Leder, Kräuter und Werkzeuge aufgefahren. Ein Waffenhändler bot Armbrustbolzen und Klingen an, sauber geordnet auf Tischen. Tondar füllte schweigend seinen Bolzenköcher auf, prüfte jeden einzelnen Schaft mit den Fingern. Furka blieb bei einem Stand mit Schnitzwerk stehen, Hurdin musterte beiläufig Beschläge, Archon sprach kurz mit einem Kräuterhändler über Harze und Trockengut.

Es war alles normal.

Und gerade deshalb unwirklich.

Vielleicht lag es nur in ihren Köpfen. Vielleicht aber auch nicht.

Gegen Mittag wandten sie sich dem Dach und Fach zu. Dort war es voller als sonst, doch Rogullf der Dicke brachte ihnen wie immer eine gute Mahlzeit, dampfend und reichlich. Nur schmeckte sie diesmal keinem von ihnen wirklich. Sie blieben länger sitzen als nötig, schoben Teller, blickten öfter als sonst zur Tür.

Als sie wieder hinaustraten, bemerkten sie Bewegung um Deregorns Haus.

Zwei Männer standen vor dem Eingang, ein dritter trat heraus, ein weiterer sprach mit jemandem auf der Straße. Keine Aufregung, keine offene Unruhe, aber genug, dass Althea unwillkürlich langsamer ging.

Sie hielten sich am anderen Ende des Marktplatzes, taten so, als würden sie einen Stand betrachten, versuchten unauffällig mehr zu erkennen, ohne selbst aufzufallen.

"Wir sollten Erholt aufsuchen", sagte Keldi schließlich.

Das Haus Erholts von Tiefhusen lag ruhig wie am Vortag. Als er öffnete, ließ er den Blick erst nach links und rechts gleiten, ehe er sie rasch hineinbat.

Drinnen sprach er leiser als sonst.

"Mir ist zu Ohren gekommen, daß Ihr Deregorn von Donnerbach in Borons Reich geschickt habt." Er musterte sie ernst. "Die unterdrückten Bewohner unseres Städtchens, ich eingeschlossen, sind Euch dafür sehr dankbar. Ich fürchte aber, daß die Mehrheit der Einwohner nicht so denken. Nehmt Euch also in Acht."

Mehr sagte er zunächst nicht.

Als sie wieder hinaus auf die Straße traten, lag dieselbe Sonne über Gashok wie zuvor, doch nun fühlte sich jede Gasse enger an. Auf dem Rückweg zum Alle Wege war das Gefühl, beobachtet zu werden, deutlich genug, dass selbst Furka sich zweimal umdrehte.

Aber niemand trat hervor.

Nichts geschah.

Am Nachmittag zogen sie sich auf ihre Zimmer zurück, hielten den Marktplatz im Blick, sahen Wagen kommen und gehen, Händler abbauen, Stimmen versiegen. Früh gingen sie zu Bett.

Und wieder schien es, als würde nichts geschehen.

Bis kurz vor Mitternacht.

Dann riss Geschrei sie aus dem Schlaf.

Fackellicht zuckte über den Marktplatz und warf rote Reflexe durch die Fenstersprossen. Stimmen schrien durcheinander, Schritte stampften unten vor dem Haus, dann ein dumpfes Poltern auf der Treppe.

Die Tür flog auf.

Ein wütender Mob drängte herein, Hände griffen nach Armen, Stimmen überschlugen sich. Die Zwerge wollten instinktiv gegenhalten, Furka hatte bereits einen Ellenbogen frei, Hurdin schob jemanden zurück — doch Altheas Stimme durchschnitt das Chaos.

"Nicht!"

Sie ließ sich mit hinausziehen.

Vor der Herberge sammelte sich die kleine Gruppe dicht beieinander. Ringsum Fackeln, Gesichter, Stimmen, die durcheinander riefen. Kein geordneter Auftritt, kein Gericht — nur Gashok selbst.

Ein Mann trat vor, kein Geweihter, kein Vertreter des Praiostempels, nur einer mit hochrotem Gesicht und erhobener Stimme.

Sie hätten Deregorn von Donnerbach ermordet.

Noch ehe die Menge erneut aufflammen konnte, erklang eine klare Stimme.

Die Menschen teilten sich.

Raul Zumendiek trat nach vorne, fest, ohne Hast. Etwas hinter ihm stand Erholt von Tiefhusen. Dahinter hob sich still die schwarze Kutte des Boron aus dem Licht der Fackeln.

"Die Gruppe hat Beweise", sagte Raul, "daß Deregorn schuldig war."

Althea zog die Pergamente hervor und hob sie hoch.

Mehrere Bürger traten vor, nahmen die Blätter, lasen im Fackelschein Namen, Vermerke, Hinweise. Stimmen wurden leiser. Einer fluchte leise. Ein anderer reichte das Pergament weiter.

Die Spannung wich nicht, aber sie kippte.

Es war kein Freispruch, kein offenes Einverständnis — nur das Ausbleiben des Schlimmeren.

Einige Stimmen riefen dennoch, sie sollten verschwinden. Möglichst bald.

Als sich die Menge schließlich auflöste, nickte Raul nur knapp. Erholt trat zurück. Die schwarze Gestalt der Boroni verharrte einen Augenblick, ehe auch sie verschwand.

Und als Althea noch einmal über den Platz blickte, sah sie in einer nahen Gasse eine graugewandete Gestalt stehen.

Schmal, reglos, nur einen Augenblick lang.

War das nicht die Geweihte des Phex?

Dann war sie schon verschwunden.

Am nächsten Morgen verließen sie früh die Herberge.

Nicht fluchtartig — aber ohne den offenen Marktplatz zu suchen.

Sie nahmen den Weg durch schmalere Straßen, suchten zunächst den Borontempel auf. Dort blieb eine gute Spende zurück. Danach gingen sie am Phextempel vorbei, wo Althea ebenfalls Münzen niederlegte. Sie wusste inzwischen sehr genau, was sich gehörte.

Dann wandten sie sich dem östlichen Ausgang der Stadt zu.

Artherion musste erfahren, was geschehen war.

Das Wetter war klar, beinahe leicht. Über den Feldern lag helle Sonne, und schon bald verschwanden die Dachgiebel Gashoks hinter ihnen, während der Weg nach Osten offen vor ihnen lag.
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:51
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