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Zwerge am Svellt
#20
Zwerge am Svellt #20

Der erste volle Tag in Lowangen begann mit Hunger.

Nicht jenem dramatischen Hunger aus Geschichten, sondern dem dumpfen, anhaltenden Ziehen im Magen, das sich bemerkbar machte, sobald man stillstand. Als die ersten Geräusche der erwachenden Stadt über den Platz vor dem Travia Tempel drangen, richtete Althea sich langsam auf und strich sich eine verrußte Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Wenn wir weiterhin so übernachten wollen, müssen wir uns Decken besorgen..." "Wollen?" brummelte Furka.

Sie drangen wieder in die Gassen der Oberstadt ein. Die Straßen waren bereits belebt, doch Lowangen wirkte dabei seltsam gedämpft. Menschen trugen Kisten, schoben Handwagen, verrichteten ihre Arbeiten, als hinge allein daran noch irgendeine Ordnung der Welt. Gespräche wurden leise geführt. Türen nur einen Spalt geöffnet. Niemand schrie. Niemand lachte. In einem kleinen Geschäft bekamen sie tatsächlich Decken, wenn auch zu einem Preis, für den man in friedlicheren Zeiten vermutlich eine Woche hätte leben können. Die Händlerin sprach höflich, aber fahrig. Handel sei schwierig geworden. Fast nichts käme noch in die Stadt hinein. Unterkünfte? Nahezu unmöglich. Draußen irrten sie weiter durch das Gassengewirr. An einem öffentlichen Brunnen stillten sie ihren Durst mit kaltem Wasser. Althea wusch sich Gesicht und Hände, während neben ihnen zwei Flüchtlingskinder schweigend auf einen Kanten Brot starrten, den ihre Mutter sorgfältig in immer kleinere Stücke teilte.

Nach einiger Zeit fanden sie ein weiteres Geschäft. Dort trafen sie auf einen Thorwaler, dessen beinahe trotzig gute Laune wirkte wie etwas aus einer anderen Welt.

Nein, nein, alles halb so schlimm.
Seine Mutter sei bereits zum Güldenland übergesetzt.
Und wenn dieser ganze Wahnsinn vorbei sei, würde er zeigen, dass man einen Drachen bis Lowangen navigieren könne.

Furka schien allein durch dessen Stimme für einige Augenblicke bessere Stimmung zu bekommen. Sie kauften drei schwere Mäntel aus thorwalschem Loden.

Zurück am Marktplatz blieb Altheas Blick wieder am stattlichen Gebäude gegenüber hängen. "Die Akademie der Verformungen, natürlich... da studieren sie Elfenmagie..." Sie stubste Furka an, wandte sich dann jedoch dem Hesinde Tempel zu, der direkt neben dem Bau lag. Im Inneren des Tempels war es still. Nicht friedlich still, sondern vorsichtig still. Als müsse selbst Andacht in Lowangen sparsam eingesetzt werden. Sie spendeten einige Münzen und wurden kurz darauf von einer Geweihten angesprochen, die sich ehrlich erfreut zeigte, Zwerge in ihren Hallen zu sehen. Sie hätten eine hervorragende Bibliothek über zwergischen Bergbau, erklärte sie beinahe etwas zu eifrig, als klammere auch sie sich für einen Augenblick an ein normales Gesprächsthema.

Dann kehrte das Gespräch doch wieder zur Stadt zurück.

Zu den Flüchtlingen.
Zu Tiefhusen, das vor Lowangen angegriffen worden war.
Zu den fehlenden Unterkünften.
Zur Nahrungsknappheit.

Die Geweihte formulierte alles ruhig und beherrscht, doch immer wieder glitten ihre Blicke unwillkürlich hinaus auf den Platz.

Später fragten sie sich durch die Tavernen rund um den Markt.

Mal bekamen sie knappe Antworten.
Mal nur Schulterzucken.
Mal verdünnten Wein.

Der Wein schien überall derselbe zu sein. Wässrig, dünn und unerquicklich. Eher ein Zugeständnis an die Moral der Stadt als ein echtes Getränk. Furka bemühte sich redlich, davon betrunken zu werden, scheiterte jedoch mit zunehmender Verbitterung.

Nahrung gab es kaum.

Hier und da eine Schale Eintopf.
Ein Stück hartes Brot.
Und immer wieder Streit darum, wer noch etwas bekam.

Am Abend erreichten sie schließlich den Fuchsbau, eine Händlertaverne am Rand des Marktplatzes. Dort bestätigte sich ein Name, der im Laufe des Tages immer wieder gefallen war. Dragan Escht. Ein Mann, der "alles besorgen" könne. Gegen entsprechenden Preis. Er lebe nahe der westlichen Stadtmauer. Als sie den Fuchsbau wieder verließen, war es bereits dunkel. Über den Straßen hing kalter Rauch und irgendwo in den Gassen hörte man einen kurzen Tumult, der ebenso schnell wieder verstummte.

Furka war mürrisch. "Nicht einmal ordentlich betrunken werden kann man hier." Also kehrten sie erneut zum Travia Tempel zurück. Immerhin besaßen sie nun Decken und Mäntel. Und irgendwo inmitten der vielen Gestalten auf den Steinplatten des Platzes wurden sie langsam selbst Teil des Flüchtlingslagers.


Der nächste Tag begann noch vor Sonnenaufgang.
Der Hunger war geblieben.

Sie gingen an "Der Herberge" vorbei Richtung Westmauer und erreichten bald ein weiß getünchtes Haus an einem kleinen Platz. Die Gegend wirkte rauer als die Straßen rund um den Markt. Oder vielleicht einfach kälter. Hier gab es keine Ansammlungen von Flüchtlingen.

Die Menschen blickten kurz auf, dann wieder weg.
Türen wurden geschlossen.
Fensterläden zugezogen.

Svelltscheid schien seinen eigenen Frieden mit der Belagerung geschlossen zu haben - einen harten Frieden.

Dragan empfing sie trotz der frühen Stunde. Er musterte sie aufmerksam, bat sie dann in ein kleines Vorzimmer und erklärte ohne Umschweife, dass er selbstverständlich alles über Lowangen wisse. Und ebenso selbstverständlich alles beschaffen könne. Für einen Preis.

Ja, es gäbe Wege aus der Stadt.
Aber zunächst müsse eine Hand die andere waschen.

Ein gewisser Schreibgelehrter - der "Vinsalter" - verweigere ihm bisher die Zusammenarbeit. Wenn sie diesen Mann zu ihm brächten, könne man weitersehen.

Als sie Dragans Haus wieder verließen, stieg gerade die Sonne über die Oostermauer. Lowangen wirkte in diesem frühen Licht beinahe friedlich. Beinahe. Sie kannten sich inzwischen halbwegs im Gassengewirr aus und erreichten bald die Brücke nach Eydal. Die niedrigen Häuser lagen noch verschlafen am Wasser, während der Seitenarm des Svellt unbeirrt durch die Stadt rauschte.

"Svelltjegrund müsste dort sein", meinte Archon und erinnerte sich an die Karte aus dem Hesinde Tempel. Sie gingen die Häuser am Fluss entlang, klopften hier und da an Türen, wurden abgewiesen oder ignoriert. Bis schließlich beim letzten Haus ein Mann öffnete. Ein richtiges Stadthaus. Hier, nahe der Bunten Flucht.

Der Mann war von feiner Erscheinung, attraktiv, mit ergrauten Schläfen. Anfangs versuchte er noch höflich, sie loszuwerden, doch Althea setzte ihren ganzen Charme ein, bis ihm kaum etwas anderes übrig blieb, als ihnen zu helfen - auch wenn Dragan Escht offensichtlich nicht zu seinen bevorzugten Gesprächspartnern gehörte. Gemeinsam gingen sie unter der aufgehenden Sonne zurück durch die Straßen Lowangens. Althea und Furka nahmen den Vinsalter beinahe selbstverständlich in ihre Mitte.

Als Dragan die Gruppe zurückkehren sah, hob sich überrascht eine Augenbraue. Dann lächelte er zufrieden.
Der Vinsalter wirkte deutlich weniger begeistert.

Dennoch hielt Dragan Wort.
Es gäbe einen Weg aus der Stadt.
Die Schwarze Jandora aus Neueydal könne ihnen weiterhelfen.
Natürlich nicht ohne Gegenleistung.
Aber sie sollten einfach seinen Namen nennen.

Dann zogen sich Dragan und der Vinsalter zu ihren Geschäften zurück, während Althea, Furka und Archon wieder auf den kleinen Platz Svelltscheids hinaustraten.
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:51
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