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Zwerge am Svellt
#21
Zwerge am Svellt #21

Sie hatten Dragans Haus verlassen. Furka gähnte unablässig, während er eine Handvoll Bonbons verteilte, die er irgendwo aufgetrieben hatte - oder eher jemand anderem auf unauffällige Weise abgenommen. Dem 'Vinsalter' hatte er immerhin eine Portion gelassen...

Die Straßen Lowangens lagen noch halb verschlafen da. Dennoch begann sich die Stadt bereits zu regen. Türen wurden geöffnet, Karren über Pflaster gezogen, Rauch stieg aus einzelnen Schornsteinen auf. Wieder nicht mit der Geschäftigkeit einer florierenden Handelsstadt, sondern mit jener angestrengten Betriebsamkeit von Menschen, die sich an ihre Aufgaben klammerten, um nicht an alles andere denken zu müssen.

"Neueydal müsste doch..." begann Althea. "...zwischen Eydal und Bunte Flucht liegen", ergänzte Archon ruhig. "Jenseits der alten Stadtbefestigung. Dort, wo die Gebäude etwas höher werden." "Haben die da ordentliches Bier?" fragte Furka hoffnungsvoll. "Oder eine Hammelkeule?" Sein Magen knurrte hörbar.

Sie schritten über den Marktplatz nach Osten. Vom Hesindetempel klangen Glocken herüber. Vor den Tavernen standen bereits kleine Grüppchen wartender Menschen. Hier und dort wurden dünne Schalen mit Eintopf ausgegeben, um die sich sofort gedrängt wurde. Wirkliche Mahlzeiten gab es nur noch selten. Sie machten einen weiten Bogen um die Markthalle und gingen an einem großen Gebäude entlang, das nach Altheas Vermutung den Magistrat beherbergte. "Das heißt, die haben da zu Essen?" fragte Furka sofort. Archon schnaubte trocken.

Dann erreichten sie eine Brücke, die sich zwischen zwei Torhäusern über einen rasch dahinströmenden Seitenarm des Svellt spannte. Das Geländer bestand aus hellem, kunstvoll geschnitztem Holz. "Die Regenbogenbrücke", sagte Althea leise. "Vom Tsa-Tempel gestiftet." Sie ließ einige Münzen als freiwilligen Brückenzoll zurück.

Als sie durch das Torhaus auf die andere Seite traten, schien es beinahe, als hätten sie eine andere Stadt betreten.

Bunte Flucht.

Die Straßen waren breiter. Die Häuser höher und besser erhalten. Filigrane Geländer liefen an steilen Treppen entlang, gepflegte Fassaden erhoben sich über kleinen Plätzen und in der Mitte eines großen Gevierts stand ein Tempel. Die Menschen hier wirkten ruhiger. Beherrschter. Man nickte ihnen höflich zu. Immer wieder waren Elfen unter den Passanten zu sehen. Flüchtlinge dagegen sah man kaum. Und doch lag auch hier etwas Erschöpftes über allem. Die Fassaden waren noch da, die Ordnung ebenfalls, aber dahinter schien die Kraft langsam zu verschwinden.

Althea steuerte direkt den Tempel an. Weißer Marmor, aber nicht wuchtig. Vier Zierbäume standen vor dem Eingang. "Tsa..." sagte sie leise. Im Inneren war es still. Kühl. Fast friedlich. Althea spendete einige Münzen, dann wandte sich eine Geweihte zu ihr um und erkannte sofort die tsageborene Jugend in ihren Zügen. Die beiden unterhielten sich lange und leise miteinander, während Furka an einer Säule lehnte und Bonbons mampfte.

Sie erfuhren vom Norden der Bunten Flucht, vom Zentrum der Wehranlagen der äußeren Stadtmauer und von einem alten Fluchttunnel, der einst zu einer inzwischen verfallenen Festung außerhalb der Stadt geführt haben sollte. "Gibt es da dann etwas zu Essen?" fragte Furka. Niemand beantwortete die Frage.

Sie zogen weiter nach Osten und schließlich nach Süden, Richtung Neueydal. Irgendwann öffnete sich vor ihnen ein großer Platz, auf dem aus allen Richtungen Straßen zusammenliefen. In seiner Mitte lagen noch immer gepflegte Hecken eines Lustgartens. Dahinter schimmerte rosafarbener Marmor.

Es war kurz vor Mittag.

Die am Platz gelegene Taverne Salamanderstein war ein exquisites Haus. Rosenholz. Blumenbouquets, von denen niemand so recht wusste, woher sie in diesen Zeiten überhaupt kamen. Die Wirtin empfing sie mit einem Zwinkern und jener aufgesetzten Leichtigkeit, die wohl einmal ganz selbstverständlich zu diesem Ort gehört hatte. Was immer ihr Wunsch wäre... Unterkunft? Vielleicht das Wunderland am Nordrand des Platzes. In einer Nische saß eine rothaarige Frau namens Rahjada und machte anzügliche Bemerkungen darüber, was sie sich alles vorstellen könnte.

Nichts davon half ihnen weiter. Und Althea mied den Blick hinüber zum Rahjatempel.

Sie fragten sich weiter durch Tavernen und Herbergen. Von Gespräch zu Gespräch. Von Hoffnung zu Hoffnung. Bis ihnen schließlich die Wirtin des "Wasser und Wein" den entscheidenden Hinweis gab: Die Schwarze Jandora lebe hinter der "Großen Freiheit".

Es war bereits dunkel, als Althea an die Tür klopfte.

Ein kleiner Junge öffnete, dann erschien Jandora selbst. Dunkelhäutig, beleibt, in übertriebene seidene Kleidung des fahrenden Volkes gehüllt. Ihre Erscheinung wirkte beinahe wie eine Karikatur jener farbenfrohen Welt, die Lowangen einmal gewesen sein mochte. Was sie denn wollten? Einen Weg aus der Stadt? Das würde kosten. Ach, Dragan schickt euch?

Althea hatte plötzlich das Gefühl, diese Art von Gespräch schon einmal geführt zu haben.

Zwei schwere Beutel mit hundert Dukaten wechselten den Besitzer. Dafür bekamen sie die Information, sich an der Fluchtburg im Norden nach Meister Eolan zu erkundigen und dort zu sagen, sie kämen um "den Hof zu kehren".

Als sie das Haus wieder verließen, war es spät geworden.

Althea trat unschlüssig auf der Straße auf und ab. "Für das Gold hätten wir bestimmt ein Festmahl bekommen", murmelte Furka. "...wenn wir denn wüssten, wo man in dieser Stadt überhaupt Festmähler bekommt", entgegnete Archon trocken.

Der Tag war lang gewesen.

Sie schleppten sich den Weg zurück. Furka gähnte unablässig. Archon stolperte beinahe über das Pflaster. Als sie den großen Platz am Rahjatempel erreichten, blieb Furka stehen. "Egal, was du da hast - dort ist ein Ort zum Rasten." Er deutete auf den Garten um den Tempel. Althea ließ sich widerwillig hinüberziehen. Sie waren dort nicht die einzigen. Aber hier lagerten keine Flüchtlinge. Eher jene, die versuchten ihre Lage irgendwie zu betäuben. Kleine Gruppen saßen zwischen den Hecken zusammen und ließen Weinflaschen kreisen - offenbar war so etwas in der Bunten Flucht noch möglich. Zwischen Gebüschen und hinter Bäumen bewegten sich Schatten eng umeinander.

Eine künstliche, farblose Normalität.

Althea lehnte sich erschöpft gegen die kühle Marmorfassade des Tempels. Schloss die Augen und versuchte alles um sich herum auszublenden. Furka schnarchte bereits.

Althea fand in dieser Nacht keinen wirklichen Schlaf. Immer wieder schreckte sie hoch und wenn sie doch wieder eindöste, fand sie sich in Träumen wieder, die sie längst vergangen glaubte. Noch bevor die Sonne aufging, weckte sie einen zeternden Furka und Archon. "Frühstück?" fragte Furka hoffnungsvoll.

Sie nahmen den nördlichen Ausgang des Platzes, machten an einem Brunnen Halt und tranken schweigend. "Füllt irgendwie den Magen", stellte Furka fest. Dann bogen sie am Tsa-Tempel ab und gelangten in die nordöstlichste Ecke der Stadt.

Vor ihnen schälte sich die Fluchtburg aus der schwindenden Nacht. Trutzige Türme ragten empor.

"Ordo Defensores Lecturia..." murmelte Althea.
"Wattn?" fragte Furka.
"Der Orden der Grauen Stäbe", übersetzte Archon.

Dann hob Althea ihren Stab und klopfte gegen das Tor...
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
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