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19.04.2026, 08:26
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.04.2026, 01:45 von Althea.)
Zwerge am Svellt #1
„Spitzohren“, brummelte Furka, kaum dass er das Ufer betreten hatte. „Überall Spitzohren.“
Althea warf ihm einen Seitenblick zu; in den Augenwinkeln lag ein feines Lächeln. „Das sind Elfen, Furka.“
„Hab ich gesagt“, knurrte er und stapfte weiter hinter Keldi her.
Keldi zog nur die Brauen hoch und schwieg. Hurdin murmelte etwas von „ganz ohne Amboss“, während Tondar leise durch die Zähne pfiff und die schlanken Bögen, Stege und hellen Hütten musterte, die sich zwischen Wasser, Holz und Grün verloren.
Althea blieb für einen Moment zurück. Vor ihr mischte sich menschliche Bauweise mit etwas Leichterem, fast Unwirklichem – als sei der Ort nicht gebaut, sondern gewachsen. Pfähle, Stege, gebogene Linien, Holz, das wirkte, als habe es selbst entschieden, welche Form es annehmen wollte. Über allem lag der Duft von frischem Harz, feuchter Erde und jungem Gras.
„Es fühlt sich an wie… eine andere Welt“, sagte sie leise.
Hinter ihr polterte Furkas Stimme: „Es fühlt sich an wie ’ne Falle. Wetten, hier gibt’s nicht mal gescheites Bier?“
Althea lachte kurz, nahm die Laute an ihrer Seite fester und folgte den anderen.
Die Zwerge gingen schweigend über die Planken der Anlegestelle, das schwere Knirschen ihrer Stiefel mischte sich mit dem ruhigen Plätschern des Kvill. Zwischen den Pfahlbauten der Auelfen lagen schmale Boote, und von den erhöhten Stegen herab ruhten Blicke auf ihnen – freundlich, aufmerksam, aber fremd.
„Spitzohren…“, murmelte Furka noch einmal, als müsse er das Wort erst an diesen Ort gewöhnen.
Althea erinnerte sich an den Elfenboten in Riva, an die weiche Melodie seiner Sprache, die kaum Garethi gewesen war und doch verständlich blieb. Auch hier lag etwas in der Luft, das sich nicht erklären ließ: eine andere Ordnung, stiller und zugleich wacher als in den Städten des Nordens.
Keldi wandte sich halb zu ihr um. „Na, wenn sie uns schon herbestellt haben, dann sollen sie uns auch sagen, weshalb. Aber in einem ordentlichen Gasthaus — nicht in so einem Baumhaus über dem Wasser.“
Hurdin nickte grimmig. „Wenn es hier überhaupt ein ordentliches Gasthaus gibt.“
„Gibt es“, sagte Althea. „Die Einkehr. Feste Mauern, habe ich gehört.“
Ein zustimmendes Brummen ging durch die Reihe.
Als sie sich dem Wall aus eingerammten Baumstämmen näherten, hinter dem die Dächer von Kvirasim aufragten, veränderte sich das Klangbild des Ortes: Händlerstimmen, das Rufen von Bootsmännern, das ferne Schlagen von Holz auf Holz – und darüber, kaum greifbar, ein helles Flötenspiel, irgendwo zwischen den Häusern.
Althea hob unwillkürlich den Kopf. Die Zwerge wechselten nur kurze Blicke.
„Nicht vergessen“, murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Der Wind trug den Klang weiter ins Dorf hinein, und vor ihnen öffnete sich der Weg zum Markt.
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19.04.2026, 08:51
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.04.2026, 01:47 von Althea.)
Zwerge am Svellt #2
Der Peraine-Tempel von Kvirasim lag still im schrägen Licht des Nachmittags, als die sechs ihre Ausrüstung ordneten. Das schwere Reisegepäck war geöffnet, Riemen wurden nachgezogen, Schnallen geprüft, Waffen abgelegt und wieder aufgenommen, als müsse jede Bewegung erst an diesem Ort neu bestätigt werden.
Die Zwerge arbeiteten schweigend. Keldi kniete über einem geöffneten Bündel, prüfte sorgfältig die Lederriemen seiner neuen Skraja und strich mit dem Daumen über die Schneide, als wolle er sicher sein, dass nichts vom langen Weg auf dem Kvill ihr Gewicht verändert hatte. Neben ihm saß Hurdin auf einer niedrigen Steinbank und zog ruhig einen Riemen am Kettenhemd fester, bis Metall leise auf Metall schliff. Er sagte nichts, aber sein Blick blieb immer wieder an Türen, Fenstern und den Bewegungen im Tempelhof hängen, als zähle er bereits unbewusst Ausgänge.
Tondar hatte sich etwas abseits an die Mauer gesetzt. Vor ihm lagen Bogen, Köcher, Messer und ein kleiner Lederbeutel mit getrockneten Kräutern, die er auf der Reise gesammelt hatte. Er schien weniger mit der Ausrüstung beschäftigt als mit dem Ort selbst; sein Blick wanderte immer wieder zu den Bäumen über dem Wall hinaus, dorthin, wo das Licht zwischen Ästen stand.
Archon saß im Schatten einer Säule, beinahe reglos, die Pfeife neben sich gelegt, ein Buch auf den Knien. Doch wer ihn länger beobachtete, sah, dass auch er alles wahrnahm: die Tempeldiener, das Kommen und Gehen, die fremden Stimmen draußen auf dem Platz. Seine Aufmerksamkeit war nie dort, wo seine Augen ruhten.
Furka dagegen konnte nicht still bleiben. Mal half er Hurdin beim Verschnüren eines Packens, dann wanderte er wieder zu Althea hinüber, betrachtete die Tempelhalle, die Vorräte, die einfachen Blumen an den Fenstern, nur um kurz darauf erneut hinauszusehen, als müsse er sicherstellen, dass Kvirasim noch da war, wenn er zurückblickte.
Althea stand nahe dem offenen Eingang, wo das Licht auf die Steinplatten fiel. Ihre Laute lehnte an der Wand, während sie mit ruhigen Händen einige kleine Dinge aus ihrer Tasche sortierte: Schreibzeug, Stoffbeutel, ein schmaler Dolch, ein Tuch, das nach Süden roch. Immer wieder glitt ihr Blick hinaus auf den Marktplatz. Der Ort war anders als Thorwal, anders selbst als Riva — leichter, stiller, aber nicht friedlich im eigentlichen Sinn, eher so, als ruhe hier etwas, das sich nicht sofort zeigte.
Als die Sonne tiefer sank, kam der Bote. Nicht laut, nicht mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, sondern beinahe so, als wäre er schon da gewesen, bevor man ihn bemerkte. Elsurion Sternenlicht sprach ruhig, fast melodisch, und bat sie, ihm zu folgen.
Niemand fragte lange.
Sie verließen den Tempel, überquerten den Platz, auf dem das Licht des Abends bereits flacher wurde, und gingen hinüber zur Liebliche Au. Vor der Tür standen Händler, Bootsmänner und zwei Männer in Fellwesten, die kurz innehielten, als die Gruppe vorbeiging — fünf Zwerge in nordischer Ausrüstung und eine Magierin mit Laute waren auch hier kein alltäglicher Anblick.
Drinnen war es wärmer als draußen: Holz, Rauch, Bier und das tiefe Murmeln des Abends. Elsurion wählte einen Tisch etwas abseits. Die Zwerge setzten sich, schwerfällig vom langen Tag, die Waffen dicht bei sich, als hätten sie sich längst daran gewöhnt, niemals ganz abzulegen, was Schutz bedeutete. Althea hörte aufmerksam zu.
Elsurion sprach vom alten Bund zwischen Elfen und Zwergen, aus einer Zeit, in der beide Völker ihre Abneigung gegeneinander zurückgestellt hatten, um gemeinsam gegen die Orks zu stehen. Aus diesem Bund, sagte er, sei einst ein Zeichen entstanden: der Salamanderstein. Kein bloßer Stein, kein Schmuckstück, sondern Erinnerung in Form. Ein Artefakt, dessen Wiederauffinden nun notwendig geworden sei.
Während der Elf sprach, blieb Keldi ruhig, doch seine Stirn legte sich in Falten. Furka nahm zwischendurch lange Züge aus seinem Krug, als traue er Geschichten erst, wenn Bier danebenstand. Hurdin hörte mit unbewegtem Gesicht zu, als würde er das Gesagte weniger glauben als abspeichern. Tondar wirkte auf eine stille Weise aufmerksam, als höre er nicht nur Worte, sondern auch das, was zwischen ihnen fehlte. Archon schließlich hob kaum merklich den Blick, als der Name des Artefakts fiel.
Nur Althea fragte nach. Nicht viel, aber genug, um zu spüren, dass auch Elfen nur einen Teil sagten.
Als Elsurion gegangen war, blieb für einen Moment nur das Licht der Kerzen und das tiefer werdende Geräusch des Abends. Dann trat ein Mensch an ihren Tisch.
Sudran Alatzer, geschniegelt, höflich, mit jener kontrollierten Freundlichkeit, die mehr verbarg als zeigte. Er sprach denselben Namen aus.
Salamanderstein.
Jetzt aber klang alles anders: nicht Erinnerung, sondern Ware, nicht Bund, sondern Gelegenheit. Er erwähnte Lowangen, sprach von Übergabe, von Geld, das dort auf sie warte.
Die Zwerge reagierten kaum sichtbar, doch Furka stellte seinen Krug langsamer ab als zuvor. Keldi lehnte sich nicht zurück. Hurdin verschränkte die Arme. Nur Althea blieb höflich, ohne Zusage.
Als der Händler gegangen war, war die Nacht bereits über den Platz gefallen. Sie traten hinaus.
Der Marktplatz lag offen unter klarem Himmel. Zwischen den Dächern stand das Licht der Sterne still über den eingerammten Baumstämmen des Walles, und irgendwo aus größerer Entfernung war noch ein spätes Gespräch zu hören, das sich im Wind verlor.
Für einen Moment blieb die Gruppe stehen. Niemand sprach sofort. Der Tag hatte ihnen bereits mehr Aufträge gebracht, als eine Ankunft eigentlich tragen sollte.
Erst als sie schließlich die Einkehr erreicht hatten und die Müdigkeit des langen Tages sich endlich auf Schultern und Stimmen legte, kam die dritte Störung.
Ein Besucher in der Nacht. Ein Diener des Phex, schmal, ruhig, mit jener eigentümlichen Sicherheit derer, die nachts selbstverständlich erscheinen.
Er sprach nicht vom Salamanderstein. Er sprach von der Wurfaxt Sternenschweif — die seltsam abhandengekommen war. Ein Gegenstand, der eher verschwunden als gestohlen schien. Ein Auftrag, der ebenso wenig Zufall sein konnte wie die beiden Begegnungen zuvor.
Als der Mann gegangen war, lag das Zimmer wieder still. Nur draußen knackte irgendwo Holz im Wind.
Furka drehte sich auf der Lagerstatt halb zur Wand, zog die Decke höher, gähnte tief und murmelte in die Dunkelheit:
„Alle wollen etwas von uns.“
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19.04.2026, 09:22
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.04.2026, 01:49 von Althea.)
Zwerge am Svellt #3
Der Morgen des nächsten Tages begann langsam.
Als das erste Licht über den Wall von Kvirasim fiel, lag noch Feuchtigkeit auf den Bohlen des Innenhofs der Einkehr, und durch das kleine Fenster ihres Zimmers sah Althea, wie sich zwischen den schrägen Dächern bereits dünne Rauchfäden hoben. Irgendwo schlug eine Tür, ein Wagen rumpelte über festgetretene Erde, und von fern mischte sich Vogelruf mit dem ersten Rufen eines Händlers, der offenbar schon vor Sonnenaufgang begonnen hatte, seine Ware auszulegen.
Im Schankraum roch es noch nach Holz, Bier und dem Rest des Vorabends. Die Wirtin stand bereits hinter dem Tresen, kräftig gebaut, wach, mit jener nüchternen Selbstverständlichkeit, die Menschen haben, deren Tag beginnt, bevor andere überhaupt die Augen öffnen. Während draußen der Ort langsam in Bewegung kam, saßen die sechs noch verstreut an einem der schweren Holztische.
Keldi hatte bereits gegessen und sprach mit der Wirtin über Zimmer für weitere Tage, knapp, sachlich, ohne überflüssige Worte. Er fragte nicht, ob sie blieben — er regelte bereits, dass es so war.
Furka saß daneben, noch halb in Müdigkeit, den Becher in beiden Händen, und blickte missmutig auf ein Stück Brot, als habe es ihn persönlich beleidigt. Hurdin aß schweigend und mit der Ruhe eines Mannes, der nie darüber nachdenken musste, ob ein Tag gut oder schlecht begann, solange er begonnen hatte. Tondar war schon mehrfach zur Tür hinaus und wieder hinein gegangen, nur um zu sehen, wie das Licht sich auf dem Platz veränderte. Archon schließlich saß wie am Vorabend leicht abseits, ein kleiner Zettel neben dem Becher, auf dem bereits erste Notizen standen.
Althea hörte nur halb dem Gespräch zu. Sie betrachtete den Raum, die Balken, die schlichten Krüge, die groben Vorhänge vor den Fenstern, und spürte, wie sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft ein Gefühl einstellte, das fast Ruhe war.
Zimmer für zwei weitere Tage.
Das klang unscheinbar, aber es bedeutete, dass man vorerst nicht weiter musste.
Als sie wenig später hinaus auf den Markt traten, lag Kvirasim bereits in vollem Tageslicht. Der große Platz innerhalb des Walles war nun belebt. Händlerstimmen liefen ineinander, Kinder huschten zwischen Körben und Fässern hindurch, irgendwo wurde Holz gespalten, und über allem stand das helle Grün der Bäume, deren Kronen Teile der angrenzenden Festwiese überschatteten. Dort, unter freierem Licht, hatten reisende Händler ihre Stände aufgebaut — Elfen, Nivesen, Norbarden, mit Stoffen, Werkzeugen, Leder, Kräutern und Dingen, deren Zweck man nicht sofort erkannte.
Die Gruppe löste sich beinahe selbstverständlich.
Althea ging mit Keldi hinunter zum Fluss, wo der feste Kräuterstand lag, von dem sie schon am Vortag gehört hatte. Der Händler dort war ein schmaler älterer Mann, dessen Hände mehr über Ware verrieten als seine Worte. Auf seinem Tisch lagen Bündel aus getrocknetem Blattwerk, Wurzeln, kleine Säckchen mit Samen, Fläschchen mit Ölen, Harzen und gepressten Pulvern.
Als Althea die sorgfältig verpackten Lotosblüten auslegte, die ihren Weg aus Prem bis hierher gefunden hatten, veränderte sich sein Blick sofort.
Er nahm sich Zeit.
Jede Blüte wurde geprüft, vorsichtig gegen das Licht gehalten, an den Rändern betrachtet, an einer sogar kurz gerochen. Keldi stand daneben, die Arme verschränkt, still wie ein Teil des Pfostens, an den er sich gelehnt hatte.
Als der Händler schließlich den Preis nannte, hob selbst Keldi die Brauen kaum merklich.
Über tausend Dukaten.
Für einen Moment wirkte es selbst auf Althea unwirklich, als das Gewicht der Münzen schließlich in den Lederbeutel wanderte. Kein Fund, kein Schatz, sondern Ertrag aus Weitsicht, Geduld und dem langen Weg der vergangenen Monate.
„Dafür“, sagte Keldi trocken, als sie den Stand verließen, „trägt man plötzlich anders.“
Althea lächelte nur.
Zurück auf dem Markt fanden sie die anderen zwischen Werkzeug, Waffen und allerlei lautstarkem Handeln.
Tondar stand vor einem Waffenhändler und hielt bereits mit beiden Händen eine schwere mechanische Armbrust, deren Spannwerk deutlich kunstvoller gearbeitet war als alles, was sie im Norden gesehen hatten. Das Metall war dunkel, sauber vernietet, die Mechanik robust, aber präzise.
Er sagte wenig, doch sein Blick verriet, dass die Entscheidung längst gefallen war.
„So etwas gab es in Thorwal nicht“, stellte Furka fest, als müsse allein das schon Grund genug sein, sie zu kaufen.
Tondar nickte knapp.
Nebenan betrachtete Furka einen Schlüsselbund, den er schließlich ebenso selbstverständlich erwarb wie ein neues kleines Buch, auf das Archon deutete.
Dann zog es Althea und Tondar weiter hinüber zur Festwiese. Unter den Bäumen lagen die Stände der Reisenden im gefilterten Licht des Mittags. Stoffe bewegten sich leicht im Wind, Leder roch nach Rauch, irgendwo sprach jemand in einer Sprache, deren Klang selbst Furka nicht mehr kommentierte.
An einem elfischen Stand hingen Mäntel aus Bausch — leicht, weich, in einem Grün, das weder grell noch dunkel war, sondern fast mit dem Blattwerk verschmolz.
Althea strich mit den Fingern über das Material.
Es fühlte sich anders an als thorwaler Filz: leichter, fast fließend, aber dennoch warm.
Am Ende nahmen sie sechs.
Für jeden einen.
Als würden sie nicht nur Kleidung kaufen, sondern eine weitere Schicht ihrer gemeinsamen Erscheinung.
Wenig später blieb Althea an einem nivesischen Stand stehen. Das Messer lag beinahe unscheinbar zwischen Fellarbeiten und kleinen Werkzeugen: schmal, mit glattem Holzgriff, feinen Knochenintarsien, die Klinge leicht geschwungen, von jener stillen Eleganz, die nicht um Aufmerksamkeit bittet.
Sie hob es auf, prüfte das Gewicht, drehte es im Licht.
Es war kein großes Messer.
Aber es lag in der Hand, als hätte es gewartet.
Tondar entschied sich daneben für ein norbardisches Arbeitsmesser, deutlich schwerer, breiter, beinahe brutal funktional — ein Werkzeug, das ebenso gut Holz spalten wie im Notfall Knochen trennen konnte.
Als sie später wieder zusammenstanden, war der Tag bereits weiter. Proviant wurde ergänzt: vierundzwanzig Pakete, Wasserschläuche für alle, Ersatzstiefel, Ersatzwaffen, eine neue Orknase.
Archon blieb für einen Moment an einem Süßwarenstand stehen. Er sagte nichts, griff aber mit einer fast ungewohnt schnellen Bewegung nach zwei Lakritzstangen, betrachtete sie kurz und steckte sie ein, während in seinen Augen ein stilles Leuchten aufblitzte, das Furka sofort bemerkte.
„Na sieh an“, grinste dieser, „auch Gelehrte haben Schwächen.“
Archon antwortete nicht, aber sein Mundwinkel bewegte sich.
Als der Abend kam, trugen die Bäume auf dem Platz bereits lange Schatten.
In der Liebliche Au war es voller als am Vorabend. Stimmen, Kerzenlicht, Teller, Bier, das Klirren von Besteck auf Holz.
Diesmal sprach niemand von Aufträgen.
Man aß.
Man trank.
Und irgendwann legte Althea die aranische Laute aus Rosenholz auf den Schoß. Sie stimmte lange, ruhig, fast zärtlich.
Dann begann eine leichte Weise aus dem Land der ersten Sonne — hell, warm, von weiterem Licht als jenem des Nordens.
Das Gespräch im Raum wurde leiser, ohne ganz zu verstummen.
Selbst Furka schwieg.
Die Töne standen im Raum wie etwas, das nicht zu Kvirasim gehörte und gerade deshalb gut hineinpasste.
Am Ende blieb noch eine Karaffe Wein.
Später, zurück in der Einkehr, war es bereits tief in der Nacht. Die meisten waren müde. Doch im Gastzimmer saßen noch Althea und Archon an einem Tisch, zwischen kleinen Fläschchen, Papier, Kräutern und Notizen.
Archon erklärte ruhig Verhältnisse von Zutaten, Ziehzeiten, Temperaturen.
Althea schrieb.
Manchmal unterbrach sie ihn, erinnerte sich an Grundbegriffe aus ihrer Zeit in Khunchom, lachte leise über Dinge, die ihr einst selbstverständlich erschienen waren und nun fern wirkten.
Zwischen ihnen entstand Seite um Seite ein erstes Rezeptbuch.
Im Hintergrund zog Hurdin währenddessen einem protestierenden Furka einen der neuen elfischen Bauschumhänge zurecht.
„Elfenzeugs!“, schimpfte Furka.
„Bleibt trotzdem dran“, sagte Hurdin.
Furka knurrte weiter, gab aber nach.
Erst spät wurde es still.
Und als schließlich das Licht gelöscht wurde, lag über dem zweiten Abend in Kvirasim nicht mehr Fremdheit, sondern zum ersten Mal etwas, das bereits nach Alltag klang.
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19.04.2026, 16:31
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.04.2026, 01:57 von Althea.)
Zwerge am Svellt #4
Der Morgen des 17. Rahja begann heller als der Tag zuvor.
Über den Wall von Kvirasim fiel bereits früh warmes Licht, und auf dem offenen Platz zwischen den Häusern lag jene stille Klarheit, die nur Stunden kennen, in denen ein Ort noch nicht ganz entschieden hat, wie laut er werden will. Vor der Einkehr war die Erde noch leicht feucht vom Tau, während aus den Küchen bereits Rauchfäden stiegen und irgendwo ein Hund anschlug, ohne dass sich jemand darum kümmerte.
Die Gruppe brach gemeinsam auf, doch wie inzwischen fast selbstverständlich hielt dieses gemeinsame Gehen nicht lange an. Am Rand des Marktplatzes trennten sich ihre Wege.
Althea schlug mit Archon und Hurdin den Weg hinunter zum Kräuterhändler ein, der nahe dem Fluss seinen festen Stand hatte. Schon auf dem Weg sprachen Althea und Archon halblaut über die Notizen des Vorabends, über Verhältnisse von Auszügen, über die Frage, ob sich bestimmte Wurzeln in frischem oder getrocknetem Zustand besser verarbeiten ließen. Archon sprach präzise, ohne viele Nebensätze; Althea antwortete nachdenklicher, als würde sie Wissen abrufen, das lange geruht hatte.
Hurdin ging etwas hinter ihnen. Nicht aus Desinteresse, sondern mit jener stillen Geduld, die ihn auszeichnete. Er wusste bereits, dass auf dem Rückweg etwas an ihm hängen bleiben würde.
Währenddessen gingen Furka, Keldi und Tondar über den noch ungewöhnlich offenen Marktplatz. Dort, wo vor zwei Tagen noch Händler, Stoffe und Stimmen gestanden hatten, lag nun in der Vormittagssonne eine fast leere Fläche. Auch die vereinzelten Spuren vom Vortag verblassten langsam: ein umgeworfener Korb am Rand, dunklere Erde unter einem Baum, wo ein Stand gestanden hatte, ein vergessenes Stück Bindfaden im Staub.
„Das sah schon einmal größer aus“, murmelte Furka.
Keldi antwortete nicht. Sein Blick ging langsam über die freien Flächen, als messe er den Ort neu, jetzt, da er ohne Bewegung sichtbar wurde.
Sie gingen hinüber zum kleinen Handelsgeschäft südlich des Platzes, dem einzigen Laden in dieser Richtung, dessen hölzerne Front mit einfachen Brettern verkleidet war. Im Halbschatten des Eingangs stand die Händlerin, eine kräftige Frau mit hochgebundenem Haar, die sie musterte, ohne überrascht zu wirken.
„Na endlich mal Menschen“, sagte Furka so leise, dass nur Tondar es hörte.
Die Unterhaltung entwickelte sich langsam, beinahe widerwillig, wie es in kleinen Orten oft geschieht, wenn niemand sicher ist, ob man überhaupt reden will. Es ging um Handel, um Lieferungen, um Wege, die schwieriger geworden waren als früher. Die Frau sprach vom Süden, von wenigen Wagen, von Kaufleuten, die kürzer blieben als noch vor einigen Jahren.
Keldi nickte dabei mehrmals bedächtig, stellte knappe Fragen und ließ längere Pausen stehen, in denen die Händlerin selbst weitersprach. Tondar lehnte mit verschränkten Armen an einem der Balken neben der Tür und beobachtete mehr, als dass er teilnahm. Furka dagegen betrachtete nebenbei Regale, Nägel, Beutel, Kisten und die Art, wie die Frau Ware stapelte, als würde er daraus etwas über ihren Charakter lesen.
Als sie wieder hinaustraten, hatten sie keinen eigentlichen Grund, wohin als Nächstes. So streiften sie zunächst durch die inneren Wege des Ortes, vorbei an kleinen Häusern, deren Türen offenstanden, an aufgespannten Fellen, an einem Brunnen, an dessen Rand zwei Kinder saßen und Kiesel ins Wasser warfen.
Inzwischen hatten Althea, Archon und Hurdin den Kräuterstand erreicht. Der Händler dort hatte seine Ware bereits sorgfältig geordnet: Bündel aus getrocknetem Blattwerk, kleine Schalen mit Samen, dunkle Harze, Fläschchen mit eingedickten Auszügen.
Archon beugte sich beinahe sofort darüber, prüfte Farbe, Geruch, Struktur. Er nahm einzelne Bündel in die Hand, fragte knapp nach Herkunft, Lagerung, Alter.
Währenddessen kam Althea mit dem Elfen ins Gespräch. Es war kein langes Gespräch, eher eines jener leichten, ruhigen Gespräche, die bei Elfen oft wirken, als würden Worte nur einen Teil dessen tragen, was eigentlich gesagt wird. Es ging um Pflanzen, um die Unterschiede zwischen südlichen Kräutern und dem, was hier am Kvill wuchs, um Blätter, die in warmer Luft anders dufteten als im Norden.
Hurdin wartete daneben. Als Archon schließlich gefunden hatte, was er suchte, wurde Hurdins Rolle erfüllt: Zwei Beutel, ein Bündel, eine kleine Schachtel und noch ein Tuch wanderten wortlos in seine Arme.
Auf dem Rückweg zum Platz machten sie bei der Händlerin Halt. Archon ergänzte dort weitere Dinge, die ihm am Kräuterstand gefehlt hatten — Öl, Stoff, einige unscheinbare Zutaten, die man nur dann als wichtig erkannte, wenn man wusste, wofür sie gebraucht wurden.
Auch das landete bei Hurdin.
Dann gingen sie hinüber zum Peraine-Tempel. Dort war es stiller als draußen. Die Geweihte nahm sich Zeit für sie, wie Menschen es tun, die gelernt haben, Ruhe nicht künstlich zu beschleunigen. Das Gespräch blieb freundlich, schlicht, ohne jede Dringlichkeit. Es ging um den Ort, um Reisende, um das, was Peraine auch an einem kleinen Grenzort zusammenhält: Versorgung, Geduld, Verlässlichkeit.
Erst als draußen erneut jemand Hilfe brauchte, stand sie auf und kehrte in ihre Pflicht zurück.
Da war es bereits Mittag.
Neben dem Tempel kehrten sie in Peraines Tisch ein. Der Raum war einfacher als die Liebliche Au, niedriger, wärmer, unmittelbarer. Auf dem Herd stand ein großer Kessel, aus dem die Wirtin Gemüseeintopf schöpfte — nicht nur für Gäste, sondern auch für jene, die mit leeren Händen kamen.
Althea beobachtete eine Weile, wie Schalen ausgegeben wurden, ohne dass viel gefragt wurde. Archon aß langsam. Hurdin mit gewohnter Ruhe.
Ein paar kurze Gespräche ergaben sich, nicht mehr als notwendig, und doch genug, dass der Ort sich weiter öffnete.
Von dort führte der Weg zur Heilerin, die ihnen empfohlen worden war. Die Elfe empfing sie in einem kleinen, hellen Raum, in dem getrocknete Pflanzen hingen und die Luft nach etwas roch, das Althea nicht sofort benennen konnte.
Archon fand rasch Zugang zu ihr. Zwischen beiden entspann sich ein Gespräch, das bald so dicht wurde, dass Hurdin kaum noch folgte: Krankheiten, Fieber, Gifte, Gegengifte, Wirkzeiten, seltene Reaktionen des Körpers.
Währenddessen betrachtete Althea die Frau stiller. Unter halb gesenkten Wimpern ließ sie ihren Blick länger auf ihr ruhen als nötig — nicht offen, aber aufmerksam genug, um die feine magische Schwingung wahrzunehmen, die von ihr ausging.
Beeindruckend, dachte sie, ohne es auszusprechen.
Als sie später zur Einkehr zurückkehrten, stand die Sonne bereits tiefer.
Etwa zur selben Zeit traten Furka, Keldi und Tondar mit knurrenden Mägen in die Liebliche Au. Der Raum war überraschend leer. Ein freier Tisch, wenige Gäste, kaum Stimmen.
Furka hatte bereits im Gehen seine neuen Inrah-Karten zwischen den Fingern gemischt, schnell, sicher, mit jener Selbstverständlichkeit, mit der jemand Karten behandelt, der möchte, dass andere ihre Schönheit zuerst sehen und erst später über ihre Ehrlichkeit nachdenken.
Bier kam. Essen kam. Die Zeit verging.
Dann begann Furka, halb beiläufig, halb hoffnungsvoll, sich umzusehen. Ein Blick hierhin, ein Satz dorthin, ein angedeutetes Angebot. Doch die meisten Händler waren bereits weitergezogen, und das wenige Publikum im Raum zeigte weder Geld noch Lust, sich auf ein Spiel einzulassen.
Nach ein paar weiteren Bieren gab selbst Furka es auf.
Als sie wieder hinaustraten, war der Abend schon weich geworden.
„Hier ist eben nichts los“, sagte er trocken.
Keldi zog nur den Mantel zurecht. Tondar sah kurz zurück zur Tür, dann gingen sie weiter.
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19.04.2026, 22:03
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.04.2026, 02:02 von Althea.)
Zwerge am Svellt #5
Als sie an diesem Abend in die Einkehr zurückkehrten, hatte Archon sich bereits in das kleine Hinterzimmer zurückgezogen, das die Wirtin nach einigem Zögern überhaupt erst freigegeben hatte. Ihr Blick folgte ihm noch eine Weile, als könne sie allein am Gang eines Zwerges erkennen, ob dort hinten etwas Unvernünftiges geschehen würde.
Es dauerte nicht lange, bis erste Gerüche durch den Flur zogen. Nicht unangenehm, aber fremd genug, um Aufmerksamkeit zu binden: bittere Kräuter, erhitzte Flüssigkeit, ein Hauch von Harz, dazu etwas Metallisches, das im warmen Holz des Hauses fehl am Platz wirkte.
Archon arbeitete bereits, bevor die übrigen ganz zur Ruhe gekommen waren. Hurdin wurde bald zum stillen Mittler zwischen Zimmern und Hinterraum. Immer wieder ging er die schmale Treppe hinauf und hinunter, trug Beutel, Tücher, Wasser, dann wieder etwas zurück, ohne viele Fragen zu stellen. Seine schweren Schritte gehörten bald ebenso zum Abend wie das gedämpfte Knistern hinter der Tür.
Von Althea war zunächst nichts zu sehen.
Die Zwerge nahmen ihr Abendbrot schweigsamer als an den Tagen zuvor ein, und nach und nach zog sich jeder in seine eigene Müdigkeit zurück. Während hinter der Tür im Hinterzimmer leises Klirren, gedämpftes Blubbern und das gelegentliche Verschieben von Glas zu hören war, begann aus den oberen Zimmern bald das erste Schnarchen.
Furka zuerst, unüberhörbar.
Später tiefer und regelmäßiger Hurdin.
Dann jene schwere Ruhe, in die Häuser sinken, wenn die Nacht nicht mehr fragt, ob noch jemand wach ist.
Nur Archon machte die Nacht zum Tag.
Als am Morgen der nächste Tag begann, erschien er nicht zum Frühstück. Überhaupt schien es, als habe er das Hinterzimmer nicht verlassen. Die Wirtin stand mehrfach in der Nähe der Tür, als müsse sie sich vergewissern, dass ihr Haus noch stand.
Keldi, der ihren Blick bemerkte, schob ihr wortlos einige zusätzliche Münzen zu.
Das genügte.
Der Vormittag verstrich langsam. Die Stunden tropften dahin, warm und beinahe unbewegt, als hätte auch Kvirasim beschlossen, für einen Tag nichts Dringendes mehr zu verlangen.
Erst gegen Mittag, als alle bereits beim Essen saßen, öffnete sich die Tür.
Archon trat heraus.
Er wirkte müde, aber auf jene stille Weise zufrieden, die ihn selten sichtbar machte. In den Händen trug er zwei in Tuch eingeschlagene Dolche, die er mit fast feierlicher Schlichtheit neben seinen Teller legte, bevor er sich setzte und mit bemerkenswertem Appetit zu essen begann.
Niemand fragte sofort.
Das war nicht nötig.
Die zwei sorgfältig abgelegten Klingen sagten genug.
Nach dem Essen stand er wieder auf, beinahe schwerfällig, und schlurfte Richtung Treppe, als fordere die Nacht nun ihren Tribut. Hurdin blieb kurz zurück, trat an die Tür des Hinterzimmers und steckte den Kopf hinein.
Was immer er dort sah, ließ ihn nur kurz die Brauen heben.
Ein paar umgestellte Gefäße, verstreute Kräuterreste, Tücher, Schalen, eine Unordnung, die nur Archon selbst vermutlich wieder verstand.
Dann zog er die Tür wieder an.
Während das Haus langsam in die Wärme des Nachmittags sank, hatte Althea ihren Platz im Erker der Zimmerflucht gefunden. Sie legte das Pergament beiseite, das bis eben über ihre Knie gespannt gewesen war. Die Zeilen verschwammen ohnehin schon vor ihren Augen — nicht aus Müdigkeit, sondern weil die Nachmittagssonne den Raum mit jener flirrenden, goldenen Wärme füllte, die jedes Nachdenken weich werden ließ.
Sie lehnte sich zurück, die Schulter gegen das Holz der Wand, und ließ den Blick hinausgleiten.
Unter ihr breitete sich Kvirasim aus wie ein lebendiger Teppich: das helle Grün der Baumkronen, die sich zwischen Dächer und Wege schoben, das flackernde Spiel der Schatten über dem Marktplatz. Menschen bewegten sich zwischen wenigen Ständen, Händler riefen halblaut ihre Ware aus, ein Kind huschte zwischen Erwachsenen hindurch, wurde kurz eingefangen und gleich wieder freigelassen.
Nicht das dichte, lärmende Treiben von Prem oder die rauere Unruhe von Thorwal.
Hier schien alles gemessener, eingebettet, fast freundlich.
Weiter hinten glitzerte der Fluss im Licht. Dahinter lagen die schlankeren Pfahlbauten der Auelfen, still und beinahe schwerelos zwischen Wasser und Grün.
Ein unwillkürliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
„Nurti“, murmelte sie halblaut, ohne ganz zu wissen, ob sie damit die Göttin meinte oder nur jenen stillen Atem, der über allem lag.
Hinter ihr war das Haus nie ganz still. Von irgendwoher drang Furkas Stimme, gedämpft durch Holz und Türen, dann wieder ein kurzes Schnauben. Ein tieferes Brummen der Zwerge. Irgendwo Archons leises Rascheln, vielleicht noch einmal Papier oder Stoff.
Doch hier im Erker, im warmen Licht, im Spiel von Luft und Sonne, war für einen Moment nichts davon wichtig.
Für einen Moment vergaß Althea Orks, Fragmente, Aufträge und Namen.
Für einen Moment war sie nur eine junge Frau, die über eine friedliche Stadt blickte und still atmete.
Gegen Abend saßen sie schließlich zusammen.
Archon fehlte; er schlief nun, wo andere wach waren.
Die übrigen saßen im Gastzimmer beisammen, zwischen Bechern, Kartenrest, Gürtelzeug und der Wärme eines Tages, der fast ohne Ereignis vergangen war.
Die Frage lag schon eine Weile im Raum, bevor sie ausgesprochen wurde.
Morgen war der 19. Rahja.
In zwölf Tagen würde das Jahr enden, und mit ihm näherten sich die Namenlosen Tage.
Die nächste größere Ansiedlung, Gashok, sollte auf der Straße in gut zehn Tagen erreichbar sein.
Bleiben oder aufbrechen.
Furka hatte dazu eine deutliche Meinung. Zu lange stillzustehen war ohnehin nie seine Stärke, und Kvirasim hatte ihm spätestens seit dem leeren Abend in der Liebliche Au wenig Anlass gegeben, noch länger zu hoffen, dass plötzlich mehr daraus würde.
Keldi sah es nüchterner: Bei der Sommerlage sprach nichts gegen den Weg.
Tondar nickte nur. Die Strecke sei machbar.
Hurdin sagte wenig, aber auch sein Schweigen stand nicht gegen den Aufbruch.
So fiel die Entscheidung fast ohne Gewicht:
Morgen würde man gehen.
Am nächsten Morgen standen die Bündel bereit.
Archon war wieder wach, bleich, aber gesammelt.
Nach einem guten Frühstück gingen sie noch einmal zum Peraine-Tempel.
Dort fiel eine erkleckliche Summe in den Opferstock.
„Körperliche Unversehrtheit ist das höchste Gut“, sagte die Geweihte mit zustimmendem Nicken.
Dann verließen sie Kvirasim.
Tondar ging voran.
Südwärts.
Hinter ihnen blieb der Wall, der Platz, die Dächer, das ruhige Licht über dem Fluss.
Und bald nur noch der Weg.
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21.04.2026, 02:30
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.04.2026, 03:08 von Althea.)
Zwerge am Svellt #6
Als sie Kvirasim verließen und der Wall hinter ihnen zurückblieb, führte die Straße ohne Umwege nach Süden. Sie war grob gepflastert, alt genug, um nicht mehr sauber zu wirken, aber deutlich als Überlandverbindung erkennbar — jener Weg, der weiter bis Riva führte und seit Jahren Wagen, Händler, Boten und alles trug, was zwischen Nord und Süden unterwegs war. Vor ihnen lagen die bewaldeten Hänge der Salamandersteine am Horizont, dunkelgrün und fern, während rechts und links dichter Wald an die Straße rückte, nur gelegentlich geöffnet von Heideflächen oder schmalen Lichtungen.
Es war ein anderer Tross als damals, als sie zum ersten Mal im Norden unterwegs gewesen waren. Die Zwerge gingen nun schwer gerüstet, beladen, langsamer als früher, aber mit jener stetigen Sicherheit, die aus Gewohnheit geworden war. Tondar führte den Zug an, Keldi an seiner Seite, beide mit jenem Blick auf Weg und Umgebung, der längst ohne Worte funktionierte. Dahinter gingen Althea und Furka, zunächst noch im Gespräch, während die frische Morgenluft Worte trug, bis die zunehmende Wärme des Tages selbst Furka sparsamer werden ließ. Den Abschluss bildete wie immer Hurdin, der mit dem Kraftgürtel den größten Teil des Gepäcks trug, unbeirrt und gleichmäßig, und dahinter, mit etwas Abstand, Archon, dessen Schritte leiser blieben als die der anderen, obwohl auch er beladen war.
Nach Mittag bog sich die Straße leicht nach Südosten. Immer wieder blitzte zwischen Bäumen Sonnenlicht auf Wasser auf; ein Zufluss des Kvill begleitete sie über längere Strecken am Fuß des Vorgebirges, mal sichtbar, mal nur als silberner Schimmer durch Lücken im Grün. Die Landschaft blieb ruhig, aber nicht leer — sie hatte jene nordische Weite, in der selbst Stille nie ganz still ist.
Als die Sonne sich zur Rechten hinter den Baumwipfeln zu senken begann, suchten sie sich am Rand einer Heidefläche einen Platz unter einigen Bäumen. Tondar legte ohne viele Worte die schwere Rüstung ab, nahm die Armbrust über die Schulter und verschwand zunächst am Waldrand entlang, während Furka und Hurdin das Gepäck abluden, Bündel stapelten und aus trockenen Zweigen ein Feuer schichteten. Althea hatte sich an einen Baum gesetzt, die Beine ausgestreckt, den Rücken gegen die Rinde gelehnt. Müdigkeit lag ihr deutlicher im Gesicht als sie zugeben wollte.
„Oh Tsa“, murmelte sie schließlich halblaut, mehr zu sich selbst als zu den anderen, „so lange war es doch gar nicht her, dass ich durch das Orkland gewandert bin…“
Doch die Strecken im Land des Svellt schienen länger, als Erinnerung sie trug.
Archon hatte inzwischen die Sichel hervorgeholt, die sie einst in Daspota gefunden hatten, und bewegte sich langsam über die Heide, blieb bei Sträuchern stehen, prüfte Blätter, schnitt kleine Zweige ab und verlor dabei nie die Sichtweite zu Furka, der wie fast immer die erste Wache übernahm. Tondar kehrte wenig später mit einigen Karnickeln zurück, die lose am Gürtel hingen, und wies Hurdin mit knapper Handbewegung zu einer kleinen Senke, in der frisches Quellwasser aus dem Boden trat.
Als gegessen war und die letzten Worte des Tages versiegten, lag Althea bald auf ihrer Decke, in den Umhang gewickelt, den Blick zum Himmel gerichtet. Über ihr standen die Sterne klar, scharf und unbewegt, bis ihre Linien langsam ineinander verschwammen.
Am nächsten Morgen gingen sie früh weiter. Der Himmel war klar, und das Licht versprach bereits den nahen Sommer. Pflastersteine unter den Füßen, Wald zur Rechten, die Salamandersteine zur Linken — stundenlang änderte sich daran wenig, und gerade diese Gleichmäßigkeit ließ die Straße beinahe schwerelos werden.
Am Nachmittag begegneten sie einem einzelnen Reisenden, der ihnen entgegenkam und wirkte, als gehöre er eher in ein anderes Jahrzehnt als auf diese Straße: ein Hüne von einem Mann, schwer bewaffnet, mit einem Gesicht, das vom Wetter gegerbt war, und Augen, die jenen Ausdruck trugen, den nur Menschen haben, die mehr gesehen haben, als sie erzählen wollen.
Man wechselte zunächst nur wenige Worte über den Weg, über Wetter und über die Gefahren, die Orks inzwischen wieder auf manchen Strecken bedeuteten. Dann fragte Althea, beinahe beiläufig, nach dem Salamanderstein.
Nichts.
Der Name löste keine erkennbare Reaktion aus.
Als sie jedoch nach Sternenschweif fragte, veränderte sich der Mann augenblicklich. Was eben noch knappe Reiseantwort gewesen war, brach in einen langen, ungeordneten Redestrom aus: ein unmögliches Abenteuer, irgendwo im Orkland, ein Debakel, und überhaupt — bei allen Göttern — was damals in Grangor geschehen sei, unmöglich, einfach unmöglich.
Er sprach so lange, dass selbst Furka irgendwann schwieg.
Als er schließlich weiterzog, fragte Althea nicht nach.
Vielleicht weil sie spürte, dass in solchen Stimmen mehr Vergangenheit lag, als sich auf offener Straße ordnen ließ.
Am Abend wich der Wald zur linken Seite etwas zurück, und erstmals war das breite Band des Flusses deutlicher in der Entfernung zu erkennen. Sie lagerten unter einem kleinen Überhang, die Nacht blieb klar, kühl und still.
Kurz nach Sonnenaufgang des nächsten Tages begegneten sie einem reisenden Kesselflicker, der mit schief hängendem Gepäck und erstaunlich guter Laune die Straße heraufkam. Man blieb stehen, teilte Wasser aus den Schläuchen und schließlich auch einen Schluck Schnaps, den Furka mit sichtbarem Stolz unter seinem Umhang hervorzog.
Der Mann wusste einiges über die Zwergenstädte weiter südlich im Finsterkamm, sprach mit jener Sicherheit kleiner Handwerker, die von jedem Weg etwas gehört haben, aber über eine Binge wusste auch er nichts Verlässliches zu sagen.
Als sie weiterzogen, hatten sie sich dennoch einen Kupferkessel aufschwatzen lassen — einen hervorragenden, wie der Mann mehrfach betonte. Hurdin hängte ihn wortlos oben an sein Bündel, als gehöre er seit jeher dorthin.
Nach einem weiteren Tag unter der Sonne erreichten sie am Nachmittag schließlich Hillhaus.
Der Weiler lag schlicht entlang der Straße: einige wenige Häuser, mittig die Wegsherberge **Wegrast**. Westlich davon lagen kleine Gärten und Felder, während östlich der Wald bereits wieder anstieg und sich gegen die Salamandersteine hob.
Der Ort wirkte ruhig. Einige wenige Reisende waren gleichzeitig mit ihnen eingetroffen, dazu ein langsamer Ochsenkarren, dessen Fahrer sichtlich froh war, für heute nicht weiterzumüssen.
Sie kehrten ein, aßen warm und lange genug, um die Müdigkeit der Straße aus den Schultern sinken zu lassen. Das Gespräch mit der Wirtin drehte sich bald um die schwierigen Jahre seit der Orkinvasion, um ausgebliebene Händler, unsichere Wege und jene langsame Vorsicht, die sich in kleinen Orten festsetzt, wenn Bedrohung einmal nahe war.
Erst als Althea durch die geöffnete Wand hinaus auf die Salamandersteine deutete, glitt das Gespräch zu den Elfen.
Später, als der Abend tiefer wurde, stand Althea auf dem kleinen Balkon am Treppenabsatz des Obergeschosses, die Arme auf das Geländer gelegt, und sah hinaus. Langsam wanderten die Schatten der Bäume den Hang empor, während hinter ihr die Sonne sank. Zum Schluss glühten die Gipfel der Salamandersteine im Abendrot auf, als würden sie für wenige Augenblicke eigenes Licht tragen.
Am nächsten Morgen lag der Himmel grau über dem Land.
Die Luft war schwerer.
Das Wetter drückte.
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22.04.2026, 03:08
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 22.04.2026, 22:29 von Althea.)
Zwerge am Svellt #7
Hinter Hillhaus rückte das Vorgebirge der Salamandersteine dicht an die Straße heran. Links stiegen zwischen den Bäumen bereits die ersten Hänge empor, dunkles Grün unter einem bedeckten Himmel, der den ganzen Tag über schwer über dem Land hing. Gegen Mittag hatte sich eine schwüle Hitze entwickelt, die selbst den Zwergen den Atem nahm. Althea blickte zu den bewaldeten Höhen hinauf und dachte für einen Moment, dass die Welt enger wurde. Nicht, dass es die Zwerge gestört hätte. Sie marschierten wie immer unbeirrt weiter, Schritt für Schritt, Tondar voran, Keldi dicht hinter ihm.
Noch vor der Mittagsrast hob Tondar plötzlich die Hand und deutete nach links. Neben der Straße war der Boden aufgewühlt; eine Spur führte ins Gebüsch. Hurdin nahm wortlos die Axt von der Schulter und behielt den Weg im Blick, während Tondar sich mit Keldi an seiner Seite dem Waldsaum näherte. Beide verschwanden lautlos im Unterholz. Furka, Althea und Archon blieben am Straßenrand zurück, unschlüssig, bis Keldi wenig später wieder auftauchte und sie heranwinkte.
Ein paar Schritte im Wald lag ein toter Mann zwischen Farnen und Wurzeln. Mittleren Alters, robuste Kleidung, unter dem Körper ein Schmiedehammer — ein Handwerker, vielleicht auf dem Weg nach Süden oder Norden, nun namenlos zwischen den Bäumen liegen geblieben. Der Rucksack fehlte, der Geldbeutel war sauber abgeschnitten worden.
Sie standen einen Moment schweigend um ihn herum, bis Hurdin sein Gepäck absetzte. Ohne ein Wort zog er die Hacke hervor, reichte Furka im Vorübergehen die Schaufel und begann zwischen den Bäumen einen Platz freizulegen, Steine aus dem Boden zu brechen und Erde zu lockern. Gemeinsam bestatteten sie den Fremden. Während Hurdin und Furka den Hügel schlossen, flochten Althea und Archon aus Ästen ein Boronsrad, das sie oben auf die frische Erde legten.
„Das waren Orksäbel“, murmelte Keldi, als sie zurück zur Straße gingen.
Tondar nickte nur und hielt von da an die Armbrust schussbereit in der Hand. Seitdem schienen selbst die Wälder dunkler geworden zu sein.
Das Flüsschen, das sie zuvor östlich begleitet hatte, war längst außer Sicht geraten. Es entsprang irgendwo weiter voraus in den Fußhügeln der Salamandersteine und floss, wie Tondar aus den Gesprächen in Hillhaus wusste, durch ein kleines Tal jenseits des Silberbuchenwalds. Seit geraumer Zeit standen links der Straße die helleren Stämme der Silberbuchen, leicht und fast silbrig zwischen dunkleren Beständen. Furka warf immer wieder Blicke hinüber, halb in der Hoffnung, dort einen Waldelfen zu entdecken.
Am Abend suchte Tondar eine kleine Lichtung westlich der Straße, tief genug im Dickicht, um nicht gesehen zu werden. Sie sprachen wenig und hielten das Feuer niedrig.
Auch am folgenden Tag blieb das Wetter drückend. Die Straße schlängelte sich weiter nach Südosten, der Wald schwieg um sie herum, als halte auch er den Atem an. Sie lagerten erneut im Schutz der Bäume; weder Tondar noch Archon entfernten sich noch außer Sichtweite.
Am nächsten Tag, gegen Mittag, hob Tondar erneut die Hand.
Er verschwand am Waldrand entlang hinter einer Wegbiegung, während die anderen unter die Bäume auswichen. Es dauerte länger diesmal. Als er zurückkehrte, war seine Stimme leise.
„Orks. Ein Lager zwischen den Bäumen westlich der Straße. Sie beobachten die Straße. Aber wir können die Biegung östlich abschneiden.“
Keldi nickte sofort. Hurdin hatte bereits wieder den Schaft seiner Axt umfasst.
Sie querten vorsichtig die Straße und drangen ins Unterholz ein. Der Wald war dicht, der Boden uneben. Althea stolperte mehr als einmal über Wurzeln und Steine, bemüht, keinen Laut zu machen, doch ein leiser Fluch entkam ihr dennoch zwischen zusammengebissenen Zähnen. Vor ihnen führte Tondar den Weg, langsam, suchend.
Dann lichtete sich der Wald.
Und unmittelbar vor ihnen standen Orks.
Etwa ein Dutzend, schwer bewaffnet, zwischen Bäumen und Straße, kaum mehr als wenige Schritte entfernt.
Für einen Augenblick erstarrten beide Gruppen zugleich.
Altheas Augen weiteten sich.
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23.04.2026, 19:36
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24.04.2026, 12:24 von Althea.)
Zwerge am Svellt #8
"Fulmen!"
Altheas helle Stimme schnitt durch das Unterholz, noch ehe die Überraschung auf beiden Seiten ganz begriffen war. Ein blasser Strahl schoss aus ihrer erhobenen Hand zwischen die Orks, traf einen der vorderen Kämpfer mit voller Wucht und riss ihn zu Boden, noch bevor der erste Schrei ganz Form gewann.
Im selben Augenblick stürmten die Zwerge vor. Keldi links, Furka rechts, Hurdin in der Mitte - wie von selbst schloss sich die Linie, noch ehe die Orks ihre Säbel ganz gehoben hatten. Ein weiterer Ork taumelte zurück, als Tondars Bolzen ihn seitlich traf; dann zog sich der Schütze sofort hinter die Front zurück, während Metall auf Fell und rohe Kraft traf.
Die Orks kamen mit erhobenen Waffen, Muskeln, Fell, Atem und Wut auf engem Raum. Doch sie prallten auf Kettenhemden, Helme und jene kurze, harte Entschlossenheit, mit der die drei Zwerge standen, die Köpfe leicht gesenkt, die Schultern fest in der Bewegung. Dann begannen sich die Axtblätter zu heben und zu senken.
Hurdin hielt die Mitte wie ein Pfeiler, unbeirrbar, Schritt für Schritt. Furka ließ an der rechten Flanke seine Axt kreisen, roh und schnell, mit jener Kraft, die immer etwas Ungebändigtes behielt. Keldi brachte einen Ork mit einem kurzen Axtstoß zu Fall, riss in derselben Bewegung den Griff zurück in den Leib des hinter ihm stehenden Gegners und duckte sich unter einer quer geführten Säbelklinge hinweg, als habe sein Körper längst gelernt, was der Gegner erst im Schlag entschied.
Althea wich einen Schritt zurück, als einer der Orks sie direkt anging, und deckte ihn mit Flammengeschossen ein, bis das Fell an seiner Schulter aufloderte und er schreiend zurücktaumelte.
Ein anderer versuchte seitlich an der Formation vorbei zu brechen. Doch dort war plötzlich Archon. Fast unscheinbar. Ein Schritt, ein schneller Stoß mit der Klinge, kaum mehr als ein präziser Schnitt in den richtigen Augenblick — und auch dieser Ork brach zusammen, als hätte ihn die Bewegung selbst überrascht.
Der Angriff verlor seinen Schwung. Noch ehe die übrigen begriffen, dass ihre erste Wucht gebrochen war, lagen bereits mehrere ihrer Gefährten im Gras. Einer oder zwei wandten sich ab, suchten Flucht zwischen Bäumen und Gestrüpp.
Niemand setzte nach.
Keuchend standen sie im Wald, atmeten hart, lauschten. Dann drängte Keldi wortlos zurück zur Straße. Sie eilten südwärts, ohne sich umzusehen.
Erst als die Sonne tiefer sank und keine Verfolger in Sicht waren, schlugen sie sich ins Gebüsch. Dort rasteten sie verborgen und hielten die Straße die ganze Nacht über im Blick. Niemand schlief tief; jedes Knacken im Dunkel ließ Köpfe heben.
Am Morgen blieb der Himmel geschlossen. Die Straße wandte sich weiter nach Südosten, während die Salamandersteine endgültig hinter ihnen zurückblieben. Zur rechten öffnete sich nun der Blick auf eine große Öde, während links die letzten Ausläufer des Waldes den Weg begleiteten.
Am Abend lagerten sie ein letztes Mal zwischen Bäumen. Tondar verschwand, um Vorräte aufzufüllen; auch Archon ging kurz ins Unterholz, nicht weit, aber lange genug, dass Furka ihm nachsah. Die übrigen streckten sich erschöpft ins Gras.
Drei Tage noch, dachte Althea und blickte zum bleiernen Himmel. Wenn nur das Wetter sich bessern würde.
"Drei Tage noch…", hob Keldi an, als Tondar zurückkehrte.
Althea sah auf.
"Wenn nur das Wetter sich bessern würde."
Drei Tage über die Ebene vor Gashok.
Am nächsten Morgen brachte selbst der frühe Tag keine Kühlung. Der Himmel blieb bedeckt. Als sie das kleine Waldstück verließen, lag vor ihnen offene Ebene, hohes Gras beiderseits der Straße.
Furka blickte noch einmal zurück. Zwischen zwei Bäumen, dort am Rand des Wäldchens - standen dort nicht eben zwei schlanke Gestalten?
Ein Blinzeln. Nichts. Nur Stamm und Schatten.
Der Weg zog sich weiter durch die Steppe. Die Schwüle wurde wieder drückend. Gegen Mittag zeichnete sich links in der Ferne ein dunkler Streifen ab - ein Forst, weit entfernt, während die Straße unbeirrbar nach Süden führte.
Sie lagerten mitten im offenen Land. Die Nacht brachte keine Abkühlung.
Am folgenden Tag dehnte sich die Ebene unter bleiernem Himmel endlos. Fast hatte man das Gefühl, nicht voranzukommen. Ein Schritt schien zuweilen eher Abstand zum Ziel zu schaffen als ihn zu verringern.
Sie gingen weiter. Stur.
Erst als die Sonne längst rechts hinter ihnen sank, hielten sie an. Die Nacht blieb unruhig.
Am Morgen des 30. Rahja stand Keldi zuerst auf.
"Heute gilt es."
Noch ehe jemand antwortete, rollte vor ihnen ein fernes Donnergrollen durch die Ebene. Eine Stunde später stemmten sie sich gegen schärfer werdenden Wind. Dann zerriss ein Blitz den Horizont.
Kurz darauf öffnete der Himmel seine Schleusen.
Regen peitschte quer über die Straße. Die Kapuzen der elfischen Umhänge wurden tief ins Gesicht gezogen, Wasser rann an Stoff, Metall und Leder hinab, während sie Schritt um Schritt weitergingen.
Fast wirkte es, als stemme sich etwas gegen ihren Weg - als wolle der Himmel selbst verhindern, dass sie das Städtchen vor den unheiligen Tagen noch erreichten.
Doch sie gingen weiter.
Und noch vor Einbruch der Dunkelheit tauchten die Mauern von Gashok vor ihnen auf. Sie durchschritten das Tor.
"Den Zwölfen sei Dank", sagte Althea und schlug die Kapuze zurück.
Auf dieser Seite des Torbogens schien der Regen fast schlagartig schwächer.
Dann zeriss ein hartes Bersten den Abend.
Althea wurde nach hinten gerissen.
Einen Armbrustbolzen in der Brust.
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25.04.2026, 07:18
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 27.04.2026, 05:12 von Althea.)
Zwerge am Svellt #9
Als sie das Tor von Gashok durchschritten, hatte der Regen gerade erst nachgelassen, doch der Eindruck des letzten Gewaltmarsches lag noch schwer auf ihnen. Althea war kaum durch den Torbogen getreten, als sie von dem Schlag getroffen und zurückgerissen wurde. Noch ehe sie selbst begriff, was geschehen war, hatten die Zwerge sie bereits in ihre Mitte genommen.
„Das fängt ja gut an...“, knurrte Furka, während Althea sich wieder aufsetzte, die Zähne zusammengebissen. Sie spähten in alle Richtungen, doch der Platz vor dem Stadttor lag verlassen da. Nur ein letzter Wind des abziehenden Gewitters fuhr durch die Baumwipfel zur rechten.
Keldi übernahm ohne ein weiteres Wort die Führung und führte sie über den Platz, während Hurdin Althea stützte. Auf der anderen Seite winkte der Eingang einer Taverne, und ohne langes Zögern traten sie ein. Die Gespräche verstummten sofort. Blicke hoben sich, blieben an der durchnässten Gruppe hängen, an den Zwergen, an der Magierin.
Hurdin führte Althea zu einer Bank an der Seite, während Keldi und Tondar die starrenden Gesichter mit unbewegtem Blick erwiderten. Archon begann bereits in seiner Tasche zu suchen und schickte Furka mit knapper Bewegung zur Theke, um Wasser zu holen. Langsam kehrte das Murmeln zurück, wenn auch gedämpft. Nur einzelne verstohlene Blicke blieben.
Als Archon sich um die Wunde gekümmert hatte und Althea wieder fester stehen konnte, trat sie zum Wirt hinüber. Hurdin folgte ihr.
„Danke für eure Gastfreundschaft — das ist wohl nicht allen im Ort gegeben?“
Der Wirt sah sie an, ohne jede Regung.
„Wir wurden angegriffen, sobald wir das Torhaus passiert hatten.“ Sie deutete vage nach draußen.
„Weiß nicht, wovon ihr redet. Ich habe noch Gäste...“
Damit wandte er sich ab.
Althea wechselte einen Blick mit Keldi, der unmerklich die Schultern zuckte.
Sie verließen die Taverne wieder, orientierten sich kurz und gingen im schwindenden Licht tiefer in den Ort hinein. Bald öffnete sich vor ihnen ein weitläufiger Marktplatz, eingefasst von hohen Häusern. Leere Marktstände standen verstreut zwischen einigen Bäumen, und auf der gegenüberliegenden Seite leuchtete sogar der weiße Marmor eines Tempelgebäudes. Ein Windstoß strich über den kaum belebten Platz und hob feinen weißen Staub auf.
„Asche“, sagte Tondar, kniete nieder und ließ den Staub durch die Finger rieseln.
Sie wechselten Blicke, dann gingen sie weiter auf das hochragende Haus vor ihnen zu: die Herberge *Alle Wege*. Der Gastraum war hell getäfelt, freundlich gebaut, beinahe einladend. Sie ließen das Gepäck von den schmerzenden Schultern sinken und setzten sich zu einer herzhaften Abendmahlzeit nieder. Doch auch hier blieb die Wirtin kurz angebunden. Gashok, die Asche auf dem Marktplatz, der Angriff — nichts davon schien sie etwas anzugehen.
Sie mieteten sich für die Nacht ein und zogen sich zurück, ehe die Müdigkeit der letzten Tage sie ganz überrollte.
Althea wurde später wieder wach — dieses kurze Aufwachen, bei dem man sich gewöhnlich nur umdreht und weiterschläft. Doch diesmal waren Stimmen draußen.
Sie schüttelte den Schlaf aus den Augen und trat ans Fenster. Keldi lag bereits wach, auch Tondar schälte sich aus den Decken. Unten auf dem Marktplatz bewegten sich undeutliche Gestalten in langen Roben, die Köpfe bedeckt. Dann loderte zwischen ihnen plötzlich Feuer auf. Für einen Moment beleuchteten die Flammen das Zeichen des Greifen auf ihren Gewändern.
Althea sog hörbar Luft ein.
„Bannstrahler“, stieß sie hervor.
Die Zwerge blickten sie verständnislos an.
„Ein fanatischer Orden des Praios... Wider Hexen, Druiden. Magie.“
Schon erloschen die Flammen wieder. Die Gestalten verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren. Was blieb, war feine weiße Asche.
Der erste der Namenlosen Tage empfing sie unter milchig bedecktem Himmel, aus dem die Sonne mit hartem Licht herabfiel. Schon der Blick aus dem Gastraum beim Frühstück zeigte, dass an diesem Tag nur das Nötigste getan wurde. Kaum Menschen waren unterwegs; wer ging, drückte sich an Wänden entlang und hastete von Tür zu Tür.
Sie umrundeten den Marktplatz und kamen zu einem kleinen Zelt unter einigen Bäumen. Die Zeltklappe stand offen. Warmes Dämmerlicht empfing sie im Innern, dazu Kräuterduft und das Blinken kleiner Phiolen auf Truhen und Regalen. Archon war sofort bei der Auslage, während Althea von einer älteren Frau mit blauweißen Haaren begrüßt wurde. Die übrigen Zwerge blieben im Eingang stehen.
Archon zeigte sich sichtlich angetan vom Sortiment und tauschte mit der Alten Wissen über Kräuter, Anwendungen und Tinkturen aus. Dann fragte Althea nach dem Ort.
Die Frau blickte sie einen Augenblick schweigend an.
„Gashok? Haltet Euch vom Marktplatz fern! Nachts — meine ich.“
„Was wisst ihr über die Bannstrahler?“
Wieder Schweigen.
„Es gibt nichts, das ich darüber sagen könnte.“
Nicht unfreundlich.
Althea nickte nur.
Später strichen sie über den Marktplatz und betrachteten die Hausfassaden ringsum. Furka deutete auf eine Taverne im Südwesten des Platzes. Zeit für ein Bier und ein Gespräch.
Doch kaum hatte er die Tür geöffnet, hob sich an der Theke ein missbilligender Blick.
„Hey, die Sorte wird hier nicht bedient.“
„Was?“, kam es von Althea.
„Die Zwerge. Die müssen draußen bleiben. Die sind hier nicht erwünscht.“
Althea starrte. Dann ein Blick zu Keldi.
Wieder nur ein leichtes Schulterzucken.
„Sollten die dort nicht mehr wissen?“
Tondar deutete mit dem Daumen hinüber zu dem weißen Steinbau mit der goldenen Sonne in der Tür.
*Praios? Eine Magierin und fünf Zwerge? Wird bestimmt spannend...*, dachte Althea, als sie hinübergingen.
Doch auch dort blieb die Antwort aus.
„Vorsicht, Fremde. Nicht jeder ist in diesem Städtchen willkommen.“
Die Autorität der Stadt, dachte Althea, als sie den Tempel wieder verließen. Wenigstens hätte er zugeben können, dass Bannstrahler im Ort waren.
Nachdem sie den Marktplatz erneut umrundet hatten, standen sie vor einer anderen Herberge: *Dach und Fach*. Der Gastraum war dunkel getäfelt, an den Wänden standen Schränke mit Glastüren. Der Wirt empfing sie freundlich — bis sie nach dem Ort fragten.
„Gashok? Haltet Euch vom Marktplatz fern! Nachts — meine ich.“
„Die Bannstrahler...“, begann Althea.
Der Mann sah betreten zu Boden und knetete das Tuch in seinen Händen.
„Ich...“
Dann hob er den Blick.
„Wollt ihr euch zum Mittagsmahl niederlassen?“
Das Essen war gut und reichlich, doch wie überall gab es keinen Alkohol. Nach dem Mahl berieten sie sich. Dann trat Keldi an den Wirt und mietete eine Zimmerflucht im Obergeschoss — für fünf Nächte.
*Fünf Tage in diesem einladenden Ort...*
Ihre Blicke sagten genug.
Während Hurdin und Tondar zur ersten Herberge zurückgingen, um das schwere Gepäck zu holen, lehnte Keldi bleich am Tresen. Althea trat auf ihn zu, wollte etwas sagen, doch Archon, der daneben stand und gerade die Pfeife ausklopfte, nickte leicht.
„Wir bleiben hier“, sagte er mit einem feinen Schmunzeln unter dem Bart. „Vielleicht kriegen wir den Wirt doch noch zum Reden.“
Keldi wollte ansetzen, wandte sich dann aber schweigend zur Treppe und verschwand nach oben. Das Wetter des Vortages hatte ihm zugesetzt; er war den ganzen Marsch vorne gegen Wind und Regen gegangen.
Althea sagte nichts. Sie trat mit Furka, Hurdin und Tondar wieder hinaus auf den Marktplatz.
Gashok ist die östlichste Stadt des Svelltschen Städtebundes und steht unmittelbar in Handelsbeziehung zum Mittelreich — über Trallop und Donnerbach. Entsprechend lohnend ist es, sich hier niederzulassen, wenn man Handel treibt oder von ihm lebt. Das Städtchen ist größer als Oberorken und größer als Kvirasim, wenn man dort die unzählbaren Elfen einmal außer Acht lässt.
Am Westrand des Ortes schlängelt sich ein schnell fließender Bach. Entlang ziehen sich kleinere Häuser, davor liegen Baumhaine und Wiesen; weiter südlich befinden sich Schmiede und Mühle. Im Osten, oberhalb des Bachgrundes, ziehen sich die Straßen in Nord-Süd-Richtung. Mittig liegt ein weiter Marktplatz, nördlich davon ein kleineres gefügtes Viertel mit einem Platz zum Nordtor hin. Nach Westen führt eine breite Straße, an der Händler ihre Lager eingerichtet haben. Südlich des Marktplatzes ziehen sich Häuserzeilen bis zum Südtor, wo die Bebauung lockerer wird.
Die Straßen sind sauber, gepflegt, die Häuser solide, und die Gebäude um den großen Marktplatz hoch, kunstvoll bemalt und mit geschnitzten Fassaden geschmückt. Alles in allem ein adrettes Städtchen. Zumindest von außen.
Als sie zurückkehrten, dämmerte es bereits. Keldi schnarchte im Zimmer, und in der Luft hing die frische Schärfe eines Belmart-Aufgusses. Archon saß mit hochgekrempelten Ärmeln im Erker über dem Marktplatz und schrieb wie immer in sein Buch.
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25.04.2026, 14:10
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 25.04.2026, 14:18 von Althea.)
Zwerge am Svellt #10
Am nächsten Morgen war Keldi als erster beim Frühstück. Sein Gesicht hatte wieder die gewohnte bronzene Farbe angenommen, als habe der vergangene Gewaltmarsch nun endlich den Griff von ihm gelöst. Nach dem Essen lehnte er sich zurück, blickte einen Moment zum milchigen Licht vor den Fenstern und sinnierte über das Wetter vor zwei Tagen. "Der Namenlose hat es versucht... Vielleicht nimmt er es uns immer noch übel, dass wir uns ihm damals nicht gebeugt haben..." Danach waren die Zwerge in ihrem Gemeinschaftsraum zu finden, wo sie das schwere Gepäck auspackten, Ausrüstungsgegenstände überprüften, ein paar abgelaufene Stiefel gegen welche aus dem Vorrat tauschten und generell Bestandsaufnahme machten. Althea versuchte derweil noch einmal mit dem Wirt ins Gespräch zu kommen, doch dieser blieb ausweichend und ängstlich, antwortete knapp und blickte dabei immer wieder zur Tür, als könne schon das falsche Wort ungebetene Ohren herbeirufen.
Als der Morgen etwas fortgeschritten war, begaben sie sich hinaus und umrundeten den Marktplatz. Gerade als sie zum Praiostempel einbiegen wollten, lief vor ihnen eine Schar gebeugter Gestalten vorbei. Männer und Frauen in Lumpen, zusammengekrümmt, mit leisen Murmeln und Wehklagen, verschwanden dann in einer Seitengasse. "Geißler", erklärte Althea den hochgezogenen Augenbrauen fünfer Zwerge. "Sie leiden, um – ach egal." Mehr sagte sie nicht, und so gingen sie weiter nach Süden, am Phex-Tempel vorbei, bis zur Taverne Tag und Nacht. Dort schauten die Zwerge etwas schräg in ihre Milch, während sich Althea die Lobpreisungen der Wirtin auf Praios anhörte — konsequent, aber gerecht. Schließlich steuerte sie einen besetzten Tisch an und bestellte eine große Kanne Tee. "Wie kann man so leben?", murmelte Furka, während er mit sichtbarem Zweifel in den Krug blickte. Als die Zwerge ihre zweite Runde Milch beendet hatten, stand Althea wieder auf. "Nicht viel, es scheint hier einmal eine Mühle gegeben zu haben, aber fragt mich nicht... Wir sollten gehen." Fünf Zwergenhäupter nickten.
Nach dem Schock des ersten Tages schien der Ort sich etwas gefasst zu haben, und es waren wieder mehr Leute unterwegs. Als die Gruppe zurück zum Marktplatz kam, reihten sie sich beinahe unwillkürlich in eine Menge ein, die dem Praiostempel zustrebte. Dort erschien gerade ein großgewachsener Mann mit weißen Haaren in goldenem Ornat, Schritt geradeaus, und die Menge teilte sich vor ihm. Auch die Gruppe ging lieber zur Seite, als dieser Mann, niemand wahrnehmend, über alles hinwegstieg und auf der anderen Seite des Platzes verschwand. Niemand sprach ihn an, niemand hielt ihn auf.
In der Zweiten Heimat am Nordtor angekommen, stellte sich Althea zum Wirt, während die Zwerge sich ein Essen servieren ließen. Der Wirt war von tumbem Gemüt, voll schlechter Scherze und wenig Wissen, und blickte nur unbewegt auf den Teller, den Hurdin in die Höhe hob, weil sich dort etwas zwischen den Kartoffeln bewegte. Die Gruppe zog sich zu einem freien Tisch zurück, und während die Zwerge ein Milchwettrinken veranstalteten, setzte sich Althea weiter zu anderen Gästen und plauderte. Furka hatte sich nach hinten zurückgezogen, wo bald die angespannte Stimmung eines Boltan-Spiels mit Furkas Inrah-Karten entstand. Als Althea sich schließlich erhob und mit einem "Immer wieder diese Mühle" zurück zu den Zwergen setzte, kam auch Furka wieder, einen Geldbeutel in der Handfläche auf und ab werfend. "Lass uns noch eine Lage Ziegenmilch weghauen! Geht auf mich!" Die Nacht war bedeckt, als sie sich auf den Weg zurück zur Herberge machten.
Am nächsten Morgen kam es schon beim Frühstück von Furka: "Lass uns diese Mühle aufsuchen, wenn wir schon hier festsitzen." Hurdin nickte sofort. "Vermutlich unten am Bach, Wind gibt es hier zwar genug..." Keldi nickte grimmig, "aber eine Windmühle hätten wir längst gesehen...", vollendete Tondar den Satz. So waren sie eine Gruppe frohen Gemutes, im Gegensatz zu den meisten, die sich draußen bewegten. "Ob wir einen Goldschatz finden? Alte Mühlen haben immer Schätze..." Furkas Augen begannen zu glänzen. Archon wiegte zustimmend das Haupt.
Sie folgten der Händlerstraße hinunter zum Bachgrund und diesem nach Süden. Wäre da nicht der ewig milchige Himmel und die mehr Schärfe als Wärme spendende Sonne gewesen, hätte man sich zwischen den Bäumen fast wohl fühlen können. So aber warfen die Bäume unnatürlich scharfe Schatten im Zwielicht. Es ward schon um die Mittagszeit, als sie zur letzten Bachbiegung einbogen, tief im Süden der Stadt, und ein hohes, seltsam dunkles Gebäude in Sicht kam. "Das war mal eine Mühle", stellte Tondar fest, als sie die verkohlten Stämme des Dachfirsts und die rußgeschwärzten Wände betrachteten. Unwillkürlich blickten sie sich um, den Bach hinauf und zu den letzten Gebäuden der Stadt hinter ihnen. Nichts. "Freiwillige vor." Vorsichtig stiegen sie durch ein ausgebranntes Loch in der Mühlenwand. Eine Stunde später war der Fall klar: ehemalige Wassermühle, unbrauchbar, das Feuer war von außen gekommen, kein Goldschatz. "Vielleicht haben diese Bannstrahler hier ihre ersten Treffen abgehalten?" Aber keiner lachte.
Hurdin deutete den Bach hinauf, wo etwas entfernt ein Schornstein zu sehen war. "Vielleicht kann der Schmied uns weiterhelfen?" Oder die Schmiedin, wie sich herausstellte, eine Zwergin gar, und Altheas Rogolan wurde die nächste halbe Stunde auf eine harte Probe gestellt, als über die Kunst — nicht das Handwerk — des Schmiedens gesprochen wurde und der Konsens war, dass die einzigen wahren Schmiede natürlich Zwerge waren. Dann fiel ein Name. "Artherion." — "Wie bitte?" Althea schaute Keldi an. "Der ehemalige Schmied — Artherion." "Ein Elf", Furka spuckte in den Bach. "Da hat es wohl eines Nachts gebrannt." Keldi strich sich bedächtig den Bart.
Alles blieb undurchsichtig. Auf halbem Weg zurück zur Stadt hob Althea die Hand und deutete nach vorne. "Wir sollten im Phex-Tempel nachfragen gehen." Der Tempel war wie erwartet weniger prächtig als der Praios-Tempel, und die in schlichte graue Gewänder gekleidete Geweihte hatte ihnen außer über den schweren Stand des Phex in dieser Stadt und die allgemeine Lage der Händler, Tempel und Anwohner nichts weiteres zu berichten. "So ziehen wir herauf, herab und quer und krumm", zitierte Archon von hinten, als Althea, tief in Gedanken versunken, zur Nordwest-Ecke der Stadt führte. Dort lag hinter Bäumen versteckt ein Schrein des Boron, davor das Gebeinfeld. Die in dunkle Gewänder gekleidete Geweihte sprach leise, aber bestimmt. "Es ist gefährlich hier", sie blickte Althea in die Augen, "befragt Gerlanje, die Kräuterfrau, nach Artherion." Eine Handvoll Silbertaler landete im Opferstock.
Also zurück zum Marktplatz. Die Zeltflappe stand wie immer offen, und als sich die Augen der Gruppe an das Halbdunkel gewöhnt hatten, sah Gerlanje sie aus dem hinteren Bereich des Zeltes fragend an. "Uns wurde gesagt, ihr könntet uns mehr über den Müller Artherion und seine Mühle berichten...", fing Althea an. "Das kann nur Alara gewesen sein, erstaunlich gesprächig für eine Boroni — aber setzt euch." Dann hob sie an zu berichten von dem Elfen Artherion, der die Mühle im Süden der Stadt betrieben hatte und der vielleicht ins Auge übler Machenschaften geraten sei — mehr sagte sie dazu nicht —, dessen Mühle jedoch eines Nachts lichterloh brannte. Artherion solle mit dem Leben davongekommen sein und sich zu Angehörigen seines Volkes in den großen Forst im Nordosten der Ebene zurückgezogen haben. "Elfen haben einen schweren Stand hier." "Vielleicht haben die Leute recht."
"Sie mögen also keine Elfen, hier können wir bleiben", bemerkte Furka, als sie wieder aus dem Zelt traten. "Aber sie mögen auch keinen Alkohol, da muss man etwas tun." Althea zog die Augenbrauen hoch, als sich Furka an die Spitze setzte und sie quer über den Marktplatz zu einem der ortsansässigen Händler am Anfang der Straße führte. Die Zwerge begannen zufrieden brummelnd, die Biervorräte des Händlers zu studieren, während Althea mit ihm ins Gespräch kam. Ein stattlicher, standhafter und vernünftiger Mann, mit richtigem Augenmaß zur Lage der Stadt und zum Handel in diesen schwierigen Zeiten. "Und ein guter Roter für das Mädel", kam aus dem Hintergrund. Sie bezahlten und verließen mit mehreren Krügen, einem kleinen Fässchen und ein paar Flaschen das Geschäft, gerade als die Nacht hereinbrach.
Der Abend im Dach und Fach geriet feucht-fröhlich, als sie sich nach einem hervorragenden Essen in den hinteren Teil der Gaststube zurückzogen. Furka, Keldi, Hurdin und Tondar ließen das Bier fließen, während Althea und Archon zurückgelehnt über dem Rotwein saßen.
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25.04.2026, 18:27
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 26.04.2026, 07:37 von Althea.)
Zwerge am Svellt #11
Der vierte Morgen in Gashok begann später als die vorherigen. Die Nacht mit Bier und Wein hatte ihre Spuren hinterlassen, wenn auch eher in träger Ruhe als in wirklicher Schwere. Als sie schließlich beim Frühstück zusammensaßen, fiel das Licht wieder milchig durch die Fenster des *Dach und Fach*, hart und farblos wie an den Tagen zuvor. Draußen war die Stadt bereits wach, doch selbst jetzt schien jede Bewegung gedämpft. Man sprach zunächst wenig, bis Althea den Blick hob und noch einmal zusammenfasste, was man bisher wusste und was eben nicht. Niemand widersprach, als beschlossen wurde, die Fäden des Ortes noch einmal einzeln aufzunehmen, bevor man Gashok hinter sich lassen würde.
Althea und Archon gingen zuerst hinüber zu Gerlanje auf den Marktplatz. Das Zelt der Kräuterhändlerin stand wie immer offen unter den Bäumen, die Luft darin war kühl und erfüllt vom Geruch getrockneter Blätter, Harze und bitterer Tinkturen. Gerlanje musterte beide lange, ehe sie sprach, diesmal weniger zurückhaltend als zuvor. Sie fragte nicht, weshalb sie wiederkamen, sondern stellte nur eine kleine Schale mit dampfendem Kräuteraufguss bereit, als habe sie längst damit gerechnet. Viel Neues sagte sie nicht, doch manches erhielt nun Gewicht. Dass Artherion sich damals nicht nur zurückgezogen habe, sondern seit jener Nacht in den Gesprächen der Stadt nur noch als Name ohne Gegenwart vorkomme. Dass manche Menschen in Gashok Dinge hinnähmen, weil sie glaubten, damit Ruhe zu bewahren. Und dass Ruhe in diesem Ort selten bedeute, dass nichts geschehe. Als Althea sich verabschiedete, nickte Gerlanje nur und legte für einen Augenblick die Hand auf den Rand einer Truhe, als wolle sie andeuten, dass manches Wissen dort besser ruhe als auf offener Straße.
Als sie zurückkehrten, wartete Keldi bereits im Schankraum. Gemeinsam gingen Althea und er anschließend zu Raul Zumendiek. Der Händler empfing sie zwischen sauber gestapelten Kisten, Fässern und sorgsam geordneten Waren, als seien Ordnung und Übersicht selbst eine Form von Widerstand gegen die Unruhe des Ortes. Raul sprach mit ruhiger Stimme, fragte nach der Reise, nach den Wegen nach Süden und nach der Lage draußen vor der Stadt. Erst später kam das Gespräch auf Gashok selbst. Er sprach vorsichtig, aber nicht ängstlich. Praios, sagte er, habe hier viele Gesichter, und nicht jedes trage Gold. Dann schwieg er kurz und fügte hinzu, dass ein Ort nur dann tragfähig bleibe, wenn noch genug Leute darin wüssten, wann man schweigen müsse und wann nicht. Als Keldi bezahlte, tat Raul etwas, das er bislang nicht getan hatte: Er nannte Althea beim Abschied bei ihrem Namen.
Zum Mittag traf sich die Gruppe wieder im "Dach und Fach". Der Wirt stellte Brot, Eintopf und Käse auf den Tisch, und zum ersten Mal schien er sich nicht mehr nur aus Pflicht um sie zu kümmern, sondern aus einer vorsichtigen Gewohnheit heraus. Es wurde ruhig gegessen; nur Furka kommentierte den Eintopf mit einem zustimmenden Brummen.
Danach gingen Althea und Tondar hinüber zum Phex-Tempel. Der kleine Tempel lag wie zuvor still zwischen den Häusern, grau und unscheinbar. Hella Vandemor empfing sie nicht mit Fragen. Althea legte eine größere Spende nieder, sprach nur wenige Worte, und die Geweihte nickte langsam. Mehr wurde nicht verlangt. Als sie sich wieder zum Gehen wandten, sagte Hella nur, ohne sie anzusehen, dass in manchen Städten nicht jede Tür verschlossen sei, nur weil sie geschlossen wirke. Tondar hob kaum merklich die Brauen, doch beide fragten nicht weiter.
Währenddessen saßen Furka und Hurdin bei Rowena Pauspiarken an der Schmiede. Die Zwergin hatte die Esse offen, obwohl an diesem Tag kaum Arbeit anlag, und das Gespräch bewegte sich rasch von Werkzeugen zu Metallqualitäten, von dort zu Zwergenstädten, von dort zurück zu Gashok. Rowena sprach offen genug, um erkennen zu lassen, dass sie vieles sah, aber nicht vieles kommentierte. Menschen, meinte sie, hätten die unangenehme Angewohnheit, Dinge zu vergessen, sobald sie unbequem würden. Dann lachte sie kurz und erklärte Furka, warum seine Axt zwar brauchbar, aber handwerklich keineswegs bemerkenswert sei. Furka tat beleidigt, Hurdin grinste.
Am Nachmittag durchquerten Althea und Tondar den Ort bis zum Boronschrein im Nordwesten. Zwischen den Bäumen lag das kleine Heiligtum still wie zuvor. Alara Hilman sprach leise, aber bestimmter als an den Tagen davor. Sie fragte diesmal nicht nach ihrem Anliegen, sondern nur, ob sie gefunden hätten, wonach sie suchten. Althea verneinte. Daraufhin antwortete Alara, dass Wahrheit selten dort beginne, wo Feuer ende, sondern oft dort, wohin die Überlebenden gingen. Mehr sagte sie nicht, doch diesmal blieb ihr Blick länger auf Althea ruhen, fast prüfend, ehe sie sich zurückzog.
Auf dem Rückweg hatten Furka und Hurdin bereits Wein und Schnaps besorgt. Mit zwei Flaschen unter dem Arm, einem kleinen Krug Korn und sichtbar guter Laune trafen sie kurz vor Abend wieder im "Dach und Fach" ein.
Als die Dämmerung hereinbrach, saßen sie erneut gemeinsam beim Essen. Danach zogen sie sich in ihren Gemeinschaftsraum zurück. Archon schloss die Tür, Althea setzte sich ans Fenster, Keldi lehnte bereits am Tisch, die anderen verteilten sich auf Bänke, Bettkanten und Fensterbrett.
Es war Althea, die zuerst sprach.
„Wenn hier jemand aus dem Ort gedrängt wurde und seine Mühle brannte, dann sollten wir wenigstens wissen, ob man uns die Wahrheit sagt.“
Keldi nickte langsam. „Mir ist lieber, wir verstehen erst, was hier läuft, bevor wir weiterziehen und irgendwann wieder in denselben Sumpf geraten.“
Hurdin stützte die Arme auf die Knie. „Eine Mühle brennt nicht einfach ab, und wenn doch, dann steckt meist mehr dahinter, als die Leute erzählen.“
„Alle schauen weg, keiner sagt was — also ist irgendwas faul, und dann will ich wissen, was“, meinte Furka und hob den Schnapskrug kurz an, ehe er ihn wieder absetzte.
Tondar, am Fenster stehend, blickte hinaus auf den inzwischen dunklen Marktplatz. „Seit wir hier sind, reden alle nur halb, und genau das macht mir mehr Gedanken als das, was sie sagen.“
Archon saß zurückgelehnt im Halbschatten, die Finger locker um den Becher gelegt. „Wenn ein Ort mehr verschweigt als erklärt, lohnt es sich meist, der einen Spur zu folgen, die noch offen ist.“
Danach wurde es still.
Es war keine lange Beratung mehr nötig.
Die Linien lagen vor ihnen.
Das Rätsel dieser Stadt würde sich nicht innerhalb ihrer Mauern lösen.
Der Elf war die Schlüsselfigur.
Und wenn sie verstehen wollten, was in Gashok vorging, würden sie Artherion finden müssen.
Die Zwerge verköstigten den Schnaps, ein lokales Produkt, das erstaunlich gut war, an diesem Abend ungewohnt ruhig. Archon saß noch bis tief in die Nacht über seinen Aufzeichnungen, eine Flasche Rotwein neben der Kerze, deren Licht über die Seiten seines Buches wanderte. Althea hielt sich diesmal zurück. Sie lag noch lange wach, starrte an die Decke und lauschte auf die gedämpften Geräusche des Hauses.
So fügt sich alles...
Am nächsten Tag, während die Zwerge noch schliefen, kümmerte sie sich um das Reisegepäck, ordnete den Proviant und ging dann noch einmal hinüber zu Gerlanje und Raul Zumendiek, um letzte Ergänzungen zu besorgen. Der Marktplatz lag genauso verlassen da wie an den vier Tagen zuvor, obwohl Markttag war — in einem Ort wie diesem natürlich der Praiostag. Sie schnitt eine Grimasse. Nicht einmal Praios hatte die fahrenden Händler dazu gebracht, während der Namenlosen Tage zu reisen. Vernünftig.
Als sie am Nachmittag in die Herberge zurückkehrte, hatten die Zwerge bereits ein ausgiebiges Mahl hinter sich gebracht. Viel gesprochen wurde nicht mehr. Den Rest des Tages hing jeder seinen Gedanken nach. Am Abend wurden die Bündel gepackt, Rüstungen und Waffen noch einmal geprüft, dann legte sich die Gruppe früh zur Ruhe.
Dann kam der 01. Praios, 18 Hal.
Der milchige Himmel war der klaren, herabbrennenden Praiosscheibe gewichen. Schon am frühen Morgen war draußen Geschäftigkeit zu hören gewesen. Drüben beim Praios Tempel sammelten sich Menschen, und als sie aus der Tür traten, formierte sich auf der anderen Seite des Platzes eine Prozession — Weiß und Gold.
Sie hielten sich nicht lange auf, stahlen sich beinahe hinaus, verließen den Marktplatz auf der anderen Seite und orientierten sich gegen das kleine östliche Tor, kaum mehr als ein Durchlass in der Mauer.
Ohne dass sie es ahnten, verfolgte ein Paar Augen jeden ihrer Schritte...
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Zwerge am Svellt #12
Der erste Praios empfing sie mit einer Sonne, die klar am Himmel stand, als wolle sie die letzten fünf Tage einfach aus der Welt brennen. Vom milchigen Druck der Namenlosen war nichts geblieben; stattdessen lag hartes Licht über der Ebene, scharf und unbeirrbar. Wärme brachte es dennoch kaum. Der Wind strich kühl über das offene Land, während sie Gashok durch das kleine östliche Tor verließen und sich nordostwärts hielten, dorthin, wo der dunkle Streifen des Forstes schon seit Tagen am Horizont gelegen hatte.
„Weggebrannt“, bemerkte Archon trocken und hob den Blick zur Praiosscheibe, „der ganze Himmel.“
Furka schnaubte nur, zog den Gürtel enger und schulterte sein Gepäck neu. Nach den engen Straßen, dem Schweigen der Menschen und dem Druck der letzten Tage fühlte sich schon der bloße Marsch wie eine Erleichterung an. Selbst Althea musste sich eingestehen, dass das offene Land gut tat. Hinter ihnen blieb Gashok zurück, adrett und geordnet wie immer, aber nun in vollem Licht fast zu freundlich für das, was sie inzwischen von diesem Ort wussten.
Der Weg führte zunächst durch flaches Land zwischen Feldern und später über offenes Grasland. Gegen Nachmittag rückte der Forst näher heran, erst als dunkler Saum, dann als wirkliche Wand aus Grün. Schon am Rand fiel auf, wie gepflegt er wirkte. Keine verwilderte Wildnis, keine umgestürzten Stämme, sondern ein Wald, der in sich geordnet schien, auch wenn niemand sichtbar war.
Sie folgten dem Karrenpfad, der weiter Richtung Salamandersteine führte. Unter dem Blätterdach wurde das Licht sofort gedämpfter, und der Boden federte unter den Schritten. Noch ehe der Abend kam, fanden sie auf halber Strecke einen überwachsenen Seitenpfad, kaum mehr als eine dunklere Linie zwischen Farnen und Wurzeln.
„Das sieht aus, als hätte ihn seit Jahren niemand benutzt“, murmelte Tondar.
„Oder als wolle er genau so aussehen“, gab Archon zurück.
Da die Schatten bereits länger wurden, entschieden sie sich, dort zu rasten. Unter weit ausladenden Kronen schlugen sie ihr Lager auf, und es war, als säßen sie unter einem Dach aus grünem Glas. Das Laub schloss sich so vollkommen über ihnen, dass Furka irgendwann mit zufriedenem Brummen meinte, dies sei ein Zimmer in einer besseren Herberge als manches Haus in Gashok.
Die Nacht blieb still.
Am nächsten Morgen folgten sie dem Pfad tiefer in den Wald hinein. Was zunächst noch nach gewöhnlichem Forst ausgesehen hatte, begann sich zu verändern. Die Vegetation wurde dichter, doch nie so, dass der Weg wirklich versperrt war. Immer blieb gerade genug Raum, als ordne sich das Dickicht erst im letzten Augenblick.
„Elfenwerk“, sagte Furka irgendwann und blieb misstrauisch vor einem Brombeerbusch stehen, der eben noch den halben Pfad blockiert hatte und jetzt plötzlich seitlich hing, als wäre er nie im Weg gewesen.
Je tiefer sie kamen, desto stiller wurde es. Erst am Nachmittag öffnete sich der Wald.
Vor ihnen lag eine Lichtung, rund und still, eingefasst von Hütten und Baumhäusern elfischer Bauart, leicht, hell und fast schwerelos zwischen Stämmen und Ästen gebaut. Kein Rauch, keine Stimmen, keine Bewegung.
Dann spannte sich vor ihnen ein Bogen.
Ein Elf stand zwischen zwei Birken, den Langbogen angelegt, den Blick hart und wach.
„Keinen Schritt weiter, oder ich schieße!“
Artherion stand dort wie jemand, der längst aufgehört hatte, zwischen Gefahr und Gespräch zu unterscheiden. Selbst als Althea sprach, blieb der Bogen gespannt. Was dann aus ihm kam, war keine geordnete Erzählung, sondern etwas, das noch immer halb aus Rauch bestand: die Nacht des Feuers, vermummte Gestalten vor der Tür, Schreie, Hitze, Schläge gegen Holz, und jedes Mal, wenn er hinaus wollte, Menschen, die ihn wieder zurück in die Flammen drängten. Nicht Vertreibung, sagte er, sondern Tötung sei es gewesen — bewusst, mit Worten von Reinigung und Läuterung, als müsse ein Elf verbrannt werden, um eine Ordnung wiederherzustellen, die andere für göttlich hielten.
Dann wurde seine Stimme ruhiger, fast härter. Jahre habe er in Gashok gelebt, vorsichtig, angepasst, leiser als er es je für möglich gehalten hätte, sogar das Zaubern habe er sich abgewöhnt, um niemanden aufzuschrecken. Doch irgendwann seien Fremde gekommen, und mit ihnen habe sich etwas verändert. Die Kräuterfrau sei die Einzige gewesen, die ihm nie ganz feindselig erschienen sei. Alles andere habe geschwiegen oder zugesehen. Nur durch einen letzten Zauber — die Verwandlung in einen Adler — sei ihm die Flucht gelungen. Als er endete, blieb nicht Zorn, sondern etwas Kälteres: die Überzeugung, dass er, sollte er einen jener Männer wiedersehen, diesmal nicht mehr fliehen werde.
Dann schwieg er.
Und noch ehe jemand etwas erwidern konnte, zog er sich zurück, Schritt für Schritt, bis ihn der Wald wieder nahm.
Die Gruppe rastete nur kurz, ehe sie den Rückweg antrat. Noch einmal lagerten sie im Forst, dann traten sie am folgenden Tag wieder hinaus ins offene Land.
Als Gashok vor ihnen auftauchte, wirkte das Städtchen im Abendlicht fast freundlich, beinahe romantisch, mit seinen hellen Fassaden und dem geordneten Marktplatz.
Fast.
Sie wussten es besser.
Sie legten gutes Tempo vor und erreichten das Tor bei Einbruch der Nacht.
Schon beim Eintritt war klar, dass sich der Ort verändert hatte. Auf den Straßen herrschte Bewegung, Fuhrknechte liefen zwischen Wagen hin und her, im Süden standen Gespanne dicht an dicht bei den Fuhrhöfen.
„Wagenzug“, stellte Hurdin fest.
Im Dach und Fach wurde es bestätigt. Ein früher Zug aus Donnerbach sei eingetroffen, erklärte der Wirt entschuldigend, und überhaupt dränge nach den Namenlosen allerlei Volk zum nächsten Markt.
Kein Zimmer mehr.
Im Eingang stießen sie mit einem gut gekleideten Herrn zusammen, der sich höflich entschuldigte und im Weitergehen halblaut bemerkte, Auswärtige seien hier eigentlich nicht willkommen, aber Auswärtige hätten der Stadt immerhin Ordnung gebracht.
Sie waren zu müde, um nachzusetzen.
So zogen sie zurück ins Alle Wege.
Am nächsten Morgen saßen sie bald wieder bei Gerlanje im Halbdunkel ihres Zeltes. Althea berichtete von Artherion, und die Kräuterfrau schwieg lange.
Dann hob sie langsam die Hand und nannte Namen.
Valpor von Kuslik sei einer jener Fremden, die vor einiger Zeit gekommen seien. Er wohne nahe der Tag und Nacht.
Noch am selben Tag zog die Gruppe ins Südviertel. Sie spähten die Umgebung aus, setzten sich dann in die Taverne und hielten das Haus im Auge. Erst als es dunkel wurde, gingen sie hinüber.
Valpor von Kuslik erwies sich als trockener, nüchterner Mann, korrekt in Haltung und Sprache, aber ohne erkennbare Verbindung zu den Bannstrahlern. Er wies jedoch auf zwei weitere Fremde hin, die ungefähr zur selben Zeit in Gashok eingetroffen seien.
Am folgenden Tag wiederholten sie das Spiel im Nordviertel.
Diesmal saßen sie lange in der Zweiten Heimat, hielten sich an einem Krug Wasser fest und warteten, bis die Dämmerung kam.
Dann klopften sie.
Erholt von Tiefhusen öffnete mit der Hand am Schwert unter dem Mantel. Erst Altheas ruhige Stimme nahm der Szene die Schärfe.
Er hörte zu.
Dann erklärte er knapp, dass er einer interessierten Gruppierung angehöre und gegen die Bannstrahler ermittle. Der dritte Fremde, sagte er, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Anführer.
Deregorn von Donnerbach.
Sein Haus lag neben dem Praiostempel.
Also beobachteten sie am nächsten Tag von den Fenstern ihrer Zimmer im Alle Wege aus das Gebäude. Händlerstimmen, Wagen, Marktvorbereitungen füllten die Straßen, bis die Sonne sank und Ruhe einkehrte.
Dann gingen sie hinüber.
Kaum fiel sein Name, wich Deregorn zurück ins Haus.
Als die Tür aufschlug, stand er dort mit gezogenem Schwert.
„Nimm das!“
Altheas Flammenlanze fuhr durch die Dämmerung und traf ihn mit voller Wucht — späte Antwort auf den Armbrustbolzen am Tor.
Dann brach das Handgemenge los.
Keldi ging zuerst hinein, Hurdin unmittelbar hinter ihm, Furka seitlich wie immer schneller als erwartet. Zwischen Tisch, Wand und Tür verlor Deregorn binnen Augenblicken jeden Vorteil.
Als es vorbei war, lag er am Boden.
Im Haus fanden sie belastende Briefe, Aufzeichnungen, Namen.
Als sie zurück ins Alle Wege traten, war es kurz vor Mitternacht.
Draußen lag schon die gespannte Ruhe vor dem Markt des nächsten Morgens.
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Zwerge am Svellt #13
Als sie aus Deregorns Haus zurückkehrten, war es kurz vor Mitternacht. Über dem Marktplatz lag jene eigentümliche Stille, die nur kleine Städte kennen, wenn selbst die letzten Stimmen versiegt sind und nur noch einzelne Fenster Licht tragen. Im Alle Wege war die Gaststube leer. Nur eine Kerze brannte noch hinter dem Ausschank, und irgendwo im Haus knarrte Holz.
Althea ließ sich auf eine der Bänke sinken, ohne den Mantel abzulegen. Die Zwerge bedienten sich wortlos an der kleinen Bar, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, nach einem Kampf zuerst etwas zu trinken. Keldi setzte sich ihr gegenüber, langsam, bedächtig, und zwischen ihnen lagen bald die Pergamente, die sie aus Deregorns Haus mitgebracht hatten. Dicht beschriebene Seiten, Namen, Notizen, Hinweise — zu viel, um Zufall zu sein, zu klar, um noch übersehen werden zu können.
Die anderen verschwanden einer nach dem anderen knarrend die Treppe hinauf. Nur Furka blieb noch einen Moment stehen, blickte auf die Schriftstücke und brummte etwas Unverständliches, ehe auch er verschwand.
Althea strich mit dem Zeigefinger über eine Zeile des Pergaments, ohne sie wirklich zu lesen. "Es ist alles hier... aber wo ist die Obrigkeit, die sich darum kümmern würde?"
Keldi nickte nur, die Hände um den Krug gelegt. "Vielleicht schläft sie. Vielleicht schaut sie weg."
Eine Weile sagten beide nichts mehr. Dann sammelte Althea die Unterlagen ein, faltete sie sorgsam zusammen, und auch sie gingen schließlich zu Bett.
Die Nacht blieb ruhig.
Am Morgen war Markt.
Schon durch die Fenster ihres Zimmers sahen sie vollbepackte Stände, Wagen, Händler, flatternde Tücher und die Bewegung unzähliger Menschen. Stimmen lagen über dem Platz, Rufe, Lachen, das Schnauben von Pferden, das Scharren von Karrenrädern. Nichts an diesem Morgen deutete darauf hin, dass in derselben Stadt nur Stunden zuvor ein Mann mit gezogenem Schwert gefallen war.
Als sie die Herberge verließen, erwarteten sie beinahe, dass jemand sie anrief, dass Finger auf sie zeigten, dass Wachen sie abfingen. Doch nichts geschah.
Der Markt war bunt und belebt, als hätte Gashok beschlossen, die Nacht nicht zu kennen.
Sie gingen von Stand zu Stand, langsam, fast gezwungen gelassen. Händler aus Donnerbach und Trallop hatten Stoffe, Eisenwaren, Leder, Kräuter und Werkzeuge aufgefahren. Ein Waffenhändler bot Armbrustbolzen und Klingen an, sauber geordnet auf Tischen. Tondar füllte schweigend seinen Bolzenköcher auf, prüfte jeden einzelnen Schaft mit den Fingern. Furka blieb bei einem Stand mit Schnitzwerk stehen, Hurdin musterte beiläufig Beschläge, Archon sprach kurz mit einem Kräuterhändler über Harze und Trockengut.
Es war alles normal.
Und gerade deshalb unwirklich.
Vielleicht lag es nur in ihren Köpfen. Vielleicht aber auch nicht.
Gegen Mittag wandten sie sich dem Dach und Fach zu. Dort war es voller als sonst, doch Rogullf der Dicke brachte ihnen wie immer eine gute Mahlzeit, dampfend und reichlich. Nur schmeckte sie diesmal keinem von ihnen wirklich. Sie blieben länger sitzen als nötig, schoben Teller, blickten öfter als sonst zur Tür.
Als sie wieder hinaustraten, bemerkten sie Bewegung um Deregorns Haus.
Zwei Männer standen vor dem Eingang, ein dritter trat heraus, ein weiterer sprach mit jemandem auf der Straße. Keine Aufregung, keine offene Unruhe, aber genug, dass Althea unwillkürlich langsamer ging.
Sie hielten sich am anderen Ende des Marktplatzes, taten so, als würden sie einen Stand betrachten, versuchten unauffällig mehr zu erkennen, ohne selbst aufzufallen.
"Wir sollten Erholt aufsuchen", sagte Keldi schließlich.
Das Haus Erholts von Tiefhusen lag ruhig wie am Vortag. Als er öffnete, ließ er den Blick erst nach links und rechts gleiten, ehe er sie rasch hineinbat.
Drinnen sprach er leiser als sonst.
"Mir ist zu Ohren gekommen, daß Ihr Deregorn von Donnerbach in Borons Reich geschickt habt." Er musterte sie ernst. "Die unterdrückten Bewohner unseres Städtchens, ich eingeschlossen, sind Euch dafür sehr dankbar. Ich fürchte aber, daß die Mehrheit der Einwohner nicht so denken. Nehmt Euch also in Acht."
Mehr sagte er zunächst nicht.
Als sie wieder hinaus auf die Straße traten, lag dieselbe Sonne über Gashok wie zuvor, doch nun fühlte sich jede Gasse enger an. Auf dem Rückweg zum Alle Wege war das Gefühl, beobachtet zu werden, deutlich genug, dass selbst Furka sich zweimal umdrehte.
Aber niemand trat hervor.
Nichts geschah.
Am Nachmittag zogen sie sich auf ihre Zimmer zurück, hielten den Marktplatz im Blick, sahen Wagen kommen und gehen, Händler abbauen, Stimmen versiegen. Früh gingen sie zu Bett.
Und wieder schien es, als würde nichts geschehen.
Bis kurz vor Mitternacht.
Dann riss Geschrei sie aus dem Schlaf.
Fackellicht zuckte über den Marktplatz und warf rote Reflexe durch die Fenstersprossen. Stimmen schrien durcheinander, Schritte stampften unten vor dem Haus, dann ein dumpfes Poltern auf der Treppe.
Die Tür flog auf.
Ein wütender Mob drängte herein, Hände griffen nach Armen, Stimmen überschlugen sich. Die Zwerge wollten instinktiv gegenhalten, Furka hatte bereits einen Ellenbogen frei, Hurdin schob jemanden zurück — doch Altheas Stimme durchschnitt das Chaos.
"Nicht!"
Sie ließ sich mit hinausziehen.
Vor der Herberge sammelte sich die kleine Gruppe dicht beieinander. Ringsum Fackeln, Gesichter, Stimmen, die durcheinander riefen. Kein geordneter Auftritt, kein Gericht — nur Gashok selbst.
Ein Mann trat vor, kein Geweihter, kein Vertreter des Praiostempels, nur einer mit hochrotem Gesicht und erhobener Stimme.
Sie hätten Deregorn von Donnerbach ermordet.
Noch ehe die Menge erneut aufflammen konnte, erklang eine klare Stimme.
Die Menschen teilten sich.
Raul Zumendiek trat nach vorne, fest, ohne Hast. Etwas hinter ihm stand Erholt von Tiefhusen. Dahinter hob sich still die schwarze Kutte des Boron aus dem Licht der Fackeln.
"Die Gruppe hat Beweise", sagte Raul, "daß Deregorn schuldig war."
Althea zog die Pergamente hervor und hob sie hoch.
Mehrere Bürger traten vor, nahmen die Blätter, lasen im Fackelschein Namen, Vermerke, Hinweise. Stimmen wurden leiser. Einer fluchte leise. Ein anderer reichte das Pergament weiter.
Die Spannung wich nicht, aber sie kippte.
Es war kein Freispruch, kein offenes Einverständnis — nur das Ausbleiben des Schlimmeren.
Einige Stimmen riefen dennoch, sie sollten verschwinden. Möglichst bald.
Als sich die Menge schließlich auflöste, nickte Raul nur knapp. Erholt trat zurück. Die schwarze Gestalt der Boroni verharrte einen Augenblick, ehe auch sie verschwand.
Und als Althea noch einmal über den Platz blickte, sah sie in einer nahen Gasse eine graugewandete Gestalt stehen.
Schmal, reglos, nur einen Augenblick lang.
War das nicht die Geweihte des Phex?
Dann war sie schon verschwunden.
Am nächsten Morgen verließen sie früh die Herberge.
Nicht fluchtartig — aber ohne den offenen Marktplatz zu suchen.
Sie nahmen den Weg durch schmalere Straßen, suchten zunächst den Borontempel auf. Dort blieb eine gute Spende zurück. Danach gingen sie am Phextempel vorbei, wo Althea ebenfalls Münzen niederlegte. Sie wusste inzwischen sehr genau, was sich gehörte.
Dann wandten sie sich dem östlichen Ausgang der Stadt zu.
Artherion musste erfahren, was geschehen war.
Das Wetter war klar, beinahe leicht. Über den Feldern lag helle Sonne, und schon bald verschwanden die Dachgiebel Gashoks hinter ihnen, während der Weg nach Osten offen vor ihnen lag.
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